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Die Nockenwellen-Spezialist:innen aus Eschen, Liechtenstein entschieden sich bereits frühzeitig, ihr Know-how auf Rotorwellen für Elektromotoren zu übertragen. Dabei ließ sich vor zehn Jahren noch kaum absehen, welche Dynamik der Markt für Elektromobilität ab den 2020er Jahren entwickeln würde. Aber – ähnlich wie bei Nockenwellen – ging es bei der Rotorwelle um Gewichtsoptimierung und maximale Kosteneffizienz. Allerdings bei wesentlich höheren Drehmomenten und Drehzahlen: Denn während eine Nockenwelle nur halb so schnell wie die Kurbelwelle rotiert – also im Durchschnitt mit etwa 3.500 Umdrehungen 1/min – zeichnete sich für Rotorwellen schon damals eine Drehzahl von 20.000 1/min ab. Eine enorme Belastung und noch längst nicht das Ende der Entwicklungsziele: Der heutige Trend zeigt bereits in Richtung 25.000 1/min.
Die Rotorwelle, welche vor zehn Jahren überwiegend als massives Bauteil gestaltet war, leitet die kinetische Energie, die durch das wechselnde elektromagnetische Feld zwischen Rotor und Stator entsteht, ins Getriebe weiter. Bei den genannten Drehzahlen von bis zu 25.000 1/min werden Drehmomente übertragen, die im Vergleich zu konventionellen PKW Nockenwellen um den Faktor 3-5 größer sind. Um damit zurechtzukommen, sind belastungsgerechte Auslegung und geringe Fertigungstoleranzen oberstes Gebot – zum Beispiel beim Rundlauf der Passverzahnung.
Wir kamen schnell zu dem Schluss, dass wir die Anforderungen an eine Rotorwelle mit der mehrteiligen Bauform gut abbilden können und versprachen uns Vorteile davon. Um die Serienentwicklung einer mehrteiligen Rotorwelle überhaupt realisieren zu können, waren unsere Erfahrungen mit der gebauten Nockenwelle Gold wert: Denn in beiden Fällen steckt in den Verbindungen der verschiedenen Materialien und Komponenten das entscheidende Know-how.
Der Einsatz unterschiedlicher Materialien bietet auch bei der Rotorwelle reichlich Potenzial: Da an der Abtriebseite der Welle im Bereich der Verzahnung höhere Drehmomente auftreten, können diese durch eine gezielte Werkstoffauswahl mit höheren Legierungen perfekt ausbalanciert werden. Für das Rohr und den Lagerflansch auf der anderen Seite werden Materialien mit geringerer Legierungsgüte eingesetzt.
Ein zentraler Vorteil der mehrteiligen Bauweise ist zudem, dass die Welle hohl ausgeführt ist. Dabei kann bei besonders leistungsfähigen Elektromotoren der Hohlraum für zusätzliche Funktionen genutzt werden. Die Ingenieur:innen von thyssenkrupp verwenden ihn zur Kühlung, indem eingespritztes Kühlmittel durch die Fliehkraft der rotierenden Welle an die Innenseite der Wand geschleudert wird. Durch den konvektiven Wärmeübergang wird Wärme aus der Rotorwelle abgeleitet und der Elektromotor somit gekühlt. Anschließend wird das Kühlmittel aus der Welle hinausgeleitet und in einem Kreislauf mit einem Wärmetauscher heruntergekühlt.
Die Kühlfunktion über die Zentrifugalkraft beherrschen auch einteilige, hohle Rotorwellen, aber für diese Bauform gilt das Gleiche wie für einteilige Nockenwellen im Verbrennungsmotor: Ihre Auslegung orientiert sich zwangsläufig an dem am stärksten belasteten Bereich. Die Materialgüte der gesamten Welle ist dadurch vorgegeben, eine flexible und bedarfsgerechte Materialauswahl nicht möglich. Aus diesem Grund bieten sich bei mehrteiligen Wellen mit flexibler Materialauswahl Kostenvorteile.
In enger Zusammenarbeit wurde die Serienentwicklung an den Standorten in Eschen (Liechtenstein), Ilsenburg und Chemnitz vorangetrieben – gemeinsam mit den Komponenten- und Anlagenlieferant:innen sowie unter Berücksichtigung der Vorgaben des OEMs. Nach Lieferung der geforderten Prototypen und Qualifizierung des Produkts folgte der Aufbau der Fertigungslinien und der Serienstart zuerst am Standort Chemnitz. Nachfolgeprojekte sind in Ilsenburg angelaufen. Im Jahr 2021 kam es aufgrund des neuen, erweiterten Produktportfolios zur Umfirmierung der Unternehmensgruppe in thyssenkrupp Dynamic Components.
Die erfolgreiche Markteinführung der ersten mehrteiligen Rotorwelle mit dem thyssenkrupp Presta-Verfahren hat zwei weitere Initiativen angestoßen. Zum einen haben vermehrte Anfragen der OEMs zu neuen Rotorwellenprojekten geführt, mit denen das Know-how und die Erfahrung weiter ausgebaut, sowie innovative Fertigungstechnologien untersucht und eingeführt werden sollen.
Darüber hinaus hat das Forschungs- und Entwicklungsteam von thyssenkrupp Dynamic Components den Fokus von der Optimierung der Rotorwelle auf den gebauten Rotor erweitert. Besondere Herausforderungen sind zum Beispiel das Befestigen der Blechpakete auf der Rotorwelle sowie der Magnete im Blechpaket.
Eine zusätzliche Herausforderung bei der Fertigung von gebauten Rotoren entsteht aus den Kundenanforderungen zur zulässigen Restunwucht bzw. der Wuchtgüte. Diese Anforderungen lassen sich zum einen aus den hohen Rotordrehzahlen ableiten und nehmen Einfluss auf die Lagerlebensdauer und folglich auf die Lebensdauer des Elektromotors. Zum anderen wird das dynamische Gesamtsystem Elektromotor durch Unwuchten zum Schwingen angeregt. Die Ausprägung dieser Schwingungen und deren Fortpflanzung (Luft- und Körperschall) beeinflusst maßgeblich den Fahrkomfort. Aufgrund des Entfalls vom Verbrennungsmotor ist davon auszugehen, dass die Grenzwerte hinsichtlich Luft- und Körperschall weiter abgesenkt werden.
Martial Danthois: „Unser Ehrgeiz besteht darin, die bestehenden Serienverfahren weiter zu optimieren. Wir arbeiten aber auch an vollkommen neuen Fertigungsprozessen, mit denen wir die Produktivität weiter steigern und Ausschuss sowie Nacharbeit reduzieren können.“
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