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Fritz Thyssen, Amélie Thyssen, Anita Gräfin Zichy-Thyssen

Fritz Thyssen (9. November 1873 - 8. Februar 1951), Amélie Thyssen (11. Dezember 1877 - 25. August 1965) und Anita Gräfin Zichy-Thyssen (13. Mai 1909 - 20. August 1990)

Fritz Thyssen ist der älteste Sohn von August Thyssen (1842 - 1926) und Hedwig Pelzer (1854 - 1940). Nach seinem Studium der Bergbau- und Eisenhüttenkunde in London, Lüttich und [Berlin-]Charlottenburg beruft ihn sein Vater 1897 in den Grubenvorstand der Gewerkschaft Deutscher Kaiser. Nach der Jahrhundertwende tritt Fritz Thyssen als Vertreter seines Vaters in die Aufsichtsräte verschiedener Konzerngesellschaften ein und arbeitet in der Leitung ausländischer Konzerngesellschaften mit. Bis zum Tod August Thyssens entwickelt er die Thyssenhütte technisch weiter, insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg modernisiert und rationalisiert er das Hüttenwerk. In seinem Handeln steht er jedoch immer im Schatten des Vaters. 1900 heiratet Fritz Thyssen gegen den Widerstand seines Vaters Amélie Zurhelle, Tochter eines Fabrikanten aus Mülheim am Rhein. Dem Paar wird 1909 das einzige Kind Anita geboren.

Am Ersten Weltkrieg nimmt Fritz Thyssen als Freiwilliger teil, muss aber 1916/17 wegen eines Lungenleidens entlassen werden. Während der französisch-belgischen Ruhrbesetzung 1923 lehnt er als Sprecher der betroffenen Montanunternehmen die Befehle der Besatzungsmacht als ungesetzlich ab, wird daraufhin verhaftet, mit anderen Unternehmern vor ein französisches Militärgericht gestellt und zu einer Geldstrafe verurteilt. "Wegen seiner Verdienste um die Erhaltung des deutschen Rechts während des Ruhrkampfs" verleiht ihm die Universität Freiburg nur wenige Wochen später den juristischen Ehrendoktor. Fritz Thyssen sucht dennoch den Ausgleich mit Frankreich; er beteiligt sich Mitte der 1920er-Jahre an deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen zur Gründung der Internationalen Rohstahlgemeinschaft. Bei der Gründung der Vereinigte Stahlwerke AG, deren Errichtung er und sein Vater im Gegensatz zu seinem Bruder Heinrich Thyssen-Bornemisza (1875 - 1947) zustimmen, wird er 1926 als Vertreter des größten Privataktionärs (26 %) zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt. Den Vorsitz im Vorstand strebt er nicht an. In Vereinigungen und Verbänden (Verein deutscher Eisenhüttenleute, Reichsverband der deutschen Industrie, Zentralausschuss der Reichsbank etc.) ist er an führender Stelle tätig. Fritz Thyssen ist ein konservativer Nationalist, aber kein Realist. Bis 1932 gehört er der Deutschnationalen Volkspartei an und zählt zu den Anhängern der Ständestaat-Ideen des Volkswirtschaftlers, Philosophen und Soziologen Othmar Spann. Teile der NSDAP unterstützen zunächst die Ständestaat-Idee, weshalb die Partei Fritz Thyssen 1933 beauftragt, ein "Institut für Ständewesen" in Düsseldorf aufzubauen. Das bald nicht mehr der NS-Wirtschaftspolitik entsprechende Institut wird im Sommer 1936 geschlossen. Zum 1. Mai 1933 tritt Fritz Thyssen in die NSDAP ein, die er vorher mit finanziellen Beiträgen unterstützte, deren Höhe meist überschätzt wird. Insgesamt hat Fritz Thyssen, wie in dem von den Alliierten angeordneten Entnazifizierungsverfahren 1948 festgestellt wird, zwischen 1923 und 1932 rund 650.000 RM für verschiedene rechte und konservativ-nationale politische Parteien und Gruppierungen einschließlich der NSDAP zur Verfügung gestellt. Auf Wunsch Hitlers wird er Reichstagsabgeordneter und zum Preußischen Staatsrat ernannt. Nach 1934 (sogenannter Röhm-Putsch) distanziert sich Fritz Thyssen mehr und mehr von der NSDAP und ihren Zielen, bleibt aber Mitglied der Partei und des Reichstags. Seine Distanzierung zur NS-Politik gipfelt im offenen Bruch, als Fritz Thyssen nicht zur Reichstagssitzung nach Berlin kommt, um dem am 1. September 1939 erfolgten deutschen Angriff auf Polen zuzustimmen, sondern Hermann Göring offen telegrafiert: "... Ich bin gegen den Krieg. ..."

Büsten von August Thyssen, 1923 geschaffen von Georg Kolbe, und von Fritz Thyssen, 1965 von Gwendolyn Blume postum modelliert.
Büsten von August Thyssen, 1923 geschaffen von Georg Kolbe, und von Fritz Thyssen, 1965 von Gwendolyn Blume postum modelliert.

Fritz Thyssen flieht mit seiner Familie über die Schweiz nach Frankreich, um von dort nach Argentinien auszuwandern, wird aber vom deutschen Angriff auf Frankreich überrascht. In diese Zeit fällt die Abfassung der sogenannten Autobiografie, die unter dem Titel "I paid Hitler" 1941 in New York erschienen ist. Herausgeber ist der Journalist Emery Reves, ein Amerikaner ungarischer Abstammung. Der Text beruht auf Diktaten, die Fritz Thyssen selbst nur in den ersten neun Kapiteln noch redigiert hat. Der Rest, aus dem meist zitiert wird, ist mit phantasievollen Ausschmückungen des Herausgebers angereichert und als Quelle für Thyssens tatsächliches Handeln und seine Rolle bis 1939 nur eingeschränkt geeignet. Schon der Titel des Buches ist irreführend, und deshalb bestritt Thyssen stets seine Authentizität. Die Spruchkammer im Entnazifizierungsverfahren schloss sich seiner Meinung an. Fritz Thyssen und seine Frau Amélie gehören zu den ersten Deutschen, die Vichy-Frankreich Ende 1940 an die Nationalsozialisten ausliefert. Ihr Vermögen beschlagnahmt der Staat. Nach zweijähriger Unterbringung in der geschlossenen Abteilung eines Sanatoriums bei Berlin werden beide inhaftiert zunächst im KZ Sachsenhausen, im Februar 1945 im KZ Buchenwald und schließlich im KZ Dachau. Zusammen mit anderen prominenten Häftlingen des Regimes werden sie während des Transports in die Alpen von deutschen und US-amerikanischen Soldaten befreit. Fritz Thyssen wird erneut - diesmal als Unterstützer der NSDAP - inhaftiert und muss sich schließlich nur einem Entnazifizierungsverfahren stellen. Er wird als "minderbelastet" eingestuft. Als Sühne sollen 15 % seines deutschen Vermögens eingezogen werden. Es kommt zum Vergleich: Thyssen zahlt gegen die Aufhebung der Beschlagnahme seines Vermögens 500.000 DM für die Begleichung der Verfahrenskosten. Als freier Mann reist er im Januar 1950 - zehn Jahre später als ursprünglich geplant - mit seiner Frau zu seiner bei Buenos Aires lebenden Tochter Anita, die seit 1936 mit dem ungarischen Grafen Gabor Zichy (1910 - 1972) verheiratet ist. Aus dieser Ehe gehen zwei Söhne Federico (* 1937) und Claudio (* 1942) Zichy-Thyssen hervor. In Argentinien erliegt Fritz Thyssen am 8. Februar 1951 einem Herzschlag. Zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder Heinrich ist er in der Familiengruft auf Schloss Landsberg bei Essen beigesetzt. Seine Frau Amélie und seine Tochter Anita sind ebenfalls dort begraben.

Der organisatorische Wiederaufbau der Thyssen-Gruppe nach dem Zweiten Weltkrieg wird von Amélie Thyssen begleitet. Am 7. Juli 1959 errichten die beiden Erbinnen von Fritz Thyssen, seine Frau Amélie Thyssen und seine Tochter Anita Gräfin Zichy-Thyssen, die Fritz Thyssen Stiftung zur Förderung der Wissenschaften mit einem Kapital von nominell 100 Mio. DM Aktien der 1953 errichteten August Thyssen-Hütte AG. Es ist die erste große private wissenschaftliche Einzelstiftung, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland gegründet wird.

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