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Produkte und Lösungen, 30.12.2005, 10:00

Wasserdicht bei 80 Grad

Das neue atomare Zwischenlager am Kraftwerksstandort Neckarwestheim bekommt zurzeit eine wasserdichte Innenauskleidung. Die beiden großen Kavernen, sämtliche Verbindungstunnel und Schächte werden an Wand und Decke durch eine mehrlagige Abdichtung vollflächig gegen Grund- und Niederschlagswasser abgeschottet. Bedingung: selbst bei permanent herrschenden 80 Grad Celsius muss der eingebaute Wasserschutz aus Geotextil und Kunststofffolie garantiert dicht halten.

"Abdichtung von unterirdischen Ingenieurbauwerken gegen drückendes und nicht drückendes Wasser" heißt die Spezialaufgabe, die lediglich knapp eine Handvoll Unternehmen in Europa anbietet. ThyssenKrupp Xervon bietet seinen Kunden ein spezielles Verfahren, mit dem umweltneutrale Kunststoffdichtungsbahnen wie eine wasserdichte Haut an der Tunnelröhre angebracht werden. Weil dieses Verfahren die in Neckarwestheim zunächst angedachte Lösung in punkto Sicherheit sogar noch übertraf, konnten die Spezialisten diesen Auftrag für sich entscheiden. Diverse Versuche und Klebemuster belegten sowohl die technische Kompetenz des Alternativvorschlags wie auch seine Kosteneffizienz. Das Konzept überzeugte gleichermaßen den Kraftwerksbetreiber EnBW, den Schweizer Planer Gähler und Partner wie auch den direkten Auftraggeber, die Bau ausführende Baresel AG.

15 000 m² Abdichtung

Mit dem neuen Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente erfüllt EnBW die politische Forderung nach dezentralen, standortnahen Zwischenlagern. In Neckarwestheim werden dazu zwei Tunnelröhren in den Fels unterhalb des Verwaltungsgebäudes getrieben. Sie sollen Platz für 150 Castor-Behälter bieten - die Einlagerung ist allerdings auf maximal fünf Behälter pro Jahr begrenzt. Bis jedoch Mitte 2006 die beiden parallel verlaufenden, 90 Meter langen Kavernen (Höhe: 18 m, Breite: 14 m) und sämtliche zugehörigen Schächte und Verbindungstunnel fertig sind, müssen 75 000 m³ Ausbruch abtransportiert und im Gegenzug 33 000 m³ Beton eingebaut werden. Hinzu kommt die Abdichtung von 15 000 m² Fläche gegen Grund- und so genanntes Meteorwasser (Wasser aus allen Arten von Niederschlägen) bei einer Dauerbetriebstemperatur von 80 Grad. Abgedichtet werden sämtliche Bauteile des neuen Zwischenlagers - ausgenommen die Tunnelsohle. Sie besteht aus einer wasserundurchlässigen Betonplatte, an die mit Fugenbändern die Abdichtung angeschlossen wird.

"Jede Abdichtungsaufgabe ist anders und erfordert eine Anpassung unseres mehrschichtigen Verfahrens an die spezifischen geologischen und hydrologischen Bedingungen", konstatiert Abdichtungsexperte Per König. In Neckarwestheim stelle insbesondere die hohe erforderliche Temperaturbeständigkeit besondere Ansprüche. Hingegen sei der sorgfältige Einbau der Abdichtung für seine Männer ohnehin alltägliche Herausforderung. Zu einem echten Prestigeeinsatz wird das atomare Zwischenlager aber erst durch die extreme Platznot und enge Zeitvorgaben für die einzelnen Arbeitsschritte. "Wir müssen uns permanent mit den Bewehrern und Betonierern abstimmen. Denn wir haben keinen gleichförmigen Arbeitsablauf wie sonst bei Tunnelbaustellen üblich", erklärt König.

Einfaches Prinzip: Geotextil, PVC-Folie, Kaschierlage

Das Prinzip der wasserdichten Auskleidung und der hierzu nötigen Arbeitsschritte ist stets gleich. Auf die mit Spritzbeton ausgekleidete Tunnelröhre wird zunächst eine Schutzlage aus Geotextil aufgebracht. In Neckarwestheim verwendet man dazu ein 1000 g/m² starkes Material. Es schützt die nachfolgend eingebaute Kunststoffdichtungsbahn - eine spezielle, 2 mm starke PVC-Folie, der 80 Grad Betriebstemperatur nichts anhaben können (garantierte Temperaturbeständigkeit). Damit die Abdichtung ohne Hohlräume wie eine Haut an Kavernenwand und -decke anliegt, wird sie über zuvor montierte so genannte Rondellen punktuell am Untergrund befestigt. Dazu werden Rondellen und Folie mit Heißluft in einem speziellen Verfahren absolut formschlüssig miteinander verbunden. Anschließend werden die überlappenden Kunststoffbahnen absolut dicht miteinander verschweißt - diverse Prüfungen belegen die Qualität der Schweißnähte. Ausschließlich speziell geschulte Bahnenschweißer nach DVS-Richtlinie 2225 (Deutscher Verband für Schweißtechnik) dürfen das Abdichtungsverfahren und auch die zugehörigen Dichtigkeits-Prüfverfahren durchführen. Erst nach erfolgreicher Qualitätsprüfung erfolgt in einem letzten Arbeitsschritt der Einbau einer Schutzlage aus selbstklebender Folie. Diese Kaschierlage wird ganz besonders sorgfältig vollflächig mit der PVC-Abdichtung verklebt. Zudem ist sie mit einer lösbaren Signalschicht versehen. So lassen sich eventuelle Beschädigungen am Abdichtungssystem leicht erkennen. Um den Tunnelrohbau zu vollenden, fehlt dann nur noch der Einbau der bewehrten Innenschale aus Beton.

<u>Hintergrundinformation zum Kernkraftwerk Neckarwestheim:</u>
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim produziert jährlich über 17 Milliarden Kilowattstunden Strom für das öffentliche Netz und die Deutsche Bahn AG - das entspricht rund einem Drittel des Jahresstromverbrauchs von Baden-Württemberg. Zwei Druckwasser-Reaktoren am rechten Neckarufer zwischen Heilbronn und Ludwigsburg erzeugen die Energie. Block I aus dem Jahre 1976 hat eine Leistung von 840 MW. Block II mit einer Leistung von 1395 MW ging im Januar 1989 ans Netz. Er ist der jüngste und modernste Kraftwerks-Reaktor in Deutschland.

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