Skip Navigation

Unternehmensmeldungen, 27.05.2008, 13:00

Brüsseler Pläne gefährden die Wettbewerbsfähigkeit der Stahlproduktion in Deutschland

„ThyssenKrupp Steel benötigt für die dritte Handelsperiode beim CO2-Emissionshandel eine weitgehend kostenfreie Zuteilung von Zertifikaten. Nur so bleibt die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb gewährleistet, auch wenn die Hüttenwerke in Europa durch ihre Vorbildfunktion damit Nachteile in Kauf nehmen müssen. Für alle Marktteilnehmer müssen global die gleichen Rahmenbedingungen gesichert werden.“ Das erklärten Thomas Schlenz, Konzernbetriebsratsvorsitzender des ThyssenKrupp Konzerns, und Dr. Gunnar Still, Konzernverantwortlicher für Umweltschutz, bei einem Gespräch mit Journalisten in Düsseldorf. Die gemeinsame Forderung der europäischen Stahlindustrie sieht eine vollständige Freistellung von der Auktionierung auf der Basis eines Benchmarks vor, der sich an den besten bisher erreichten CO2-Emissionen der jeweiligen Produktionslinie orientiert. In der Zuteilung für die Handelsperiode von 2013 bis 2020 darf dieser technisch realisierte Benchmark nicht unterschritten werden.

Die Stahlproduktion außerhalb Europas wird durch Kosten für CO2-Zertifikate nicht belastet. Auch ein internationales Abkommen, bei dem Länder wie China und Indien keinen Minderungspflichten unterliegen, führt zu divergierenden Wettbewerbsbedingungen. Den zu erwartenden gravierenden Kostennachteil kann ThyssenKrupp Steel nicht an die Kunden weitergeben und auch nicht durch Rationalisierungsmaßnahmen wettmachen. „Als Konsequenz einer kostenträchtigen Lösung der EU beim Emissionshandel ist ein sofortiger Investitionsstopp in der Stahlerzeugung zu erwarten, der den Produktionsstandort in unserem integrierten Hüttenwerk in Duisburg mit mehr als 10.000 Arbeitsplätzen gefährdet“, erklärte Schlenz und warnte vor einem schleichenden Ausstieg der Industrie aus Europa.

Der weltweiten CO2-Bilanz würde ein Abwanderungsprozess allerdings nicht nützen. Im Gegenteil; die Standards sind in den meisten Fällen der Überseeproduktionen deutlich schlechter als bei den europäischen Produzenten. Der CO2-Ausstoß würde also zunehmen. Zudem kommt, dass Stahl mit einer jährlichen Produktion von 1,3 Mrd t der Werkstoff Nummer 1 des 21. Jahrhunderts ist. Der Verbrauch wird auch in den kommenden Jahren weiter steigen, weil besonders in den BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) noch großer Nachholbedarf besteht. Zum Vergleich: der Pro-Kopf-Verbrauch von Stahl liegt in Deutschland bei 436 kg jährlich, in China sind es 251 kg und in Indien nur 35 kg.

Der Emissionshandel trifft die stromintensive Stahlerzeugung doppelt, weil die Strompreise anhaltend steigen. Die Pläne der EU haben für ThyssenKrupp darüber hinaus noch einen erheblichen weiteren negativen Effekt, weil der Energieverbund in Duisburg, dem größten Stahlstandort Europas, ebenfalls belastet wird. Die bei der Herstellung von Koks, Roheisen und Rohstahl anfallenden Prozessabgase werden analog der Nutzung von Abwärme bei der Kraft-Wärme-Kopplung restgenutzt.

„Doch Brüssel verlangt von uns, dass wir für diese umweltfreundliche Nutzung die in diesem Falle sogar eine Stromerzeugung ermöglicht, Zertifikate erwerben. „Auch ist es aus Gerechtigkeitsgründen nicht einzusehen, warum eine vorbildliche, bereits seit über 60 Jahren übliche Nutzung dieser Restenergien zur Stromerzeugung einer bewussten Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas zur Stromerzeugung gleichgesetzt werden soll“, erklärte Dr. Still weiter. Zudem ist für Stahlerzeugung und Weiterverarbeitung ein Zukauf von Strom aus dem Netz zusätzlich notwendig.

ThyssenKrupp stellt sich den Herausforderungen des Klimawandels. „Wir sind beim Klimaschutz in zweierlei Hinsicht aktiv. Auf der einen Seite unternehmen wir alle denkbaren Anstrengungen, die Belastungen, die mit der Produktion unseres Werkstoffes verbunden sind, zu reduzieren. Zum anderen entwickeln wir Stahl so weiter, dass er seine Rolle als aktiver Klimaschützer immer besser ausfüllen kann“, betonte Dr. Still. Er nannte als Beispiel das Thema Leichtbau im Auto: Leichtere Stahlkarossen sparen über ihre Nutzungsdauer mehr CO2, als für den gesamten Stahl im Auto bei seiner Erzeugung entsteht. Und als Beispiel für die Fortschritte in der Technologie: Seit 1990 hat ThyssenKrupp Steel den CO2-Ausstoß um 15 % und seit 1960 sogar um 40 % reduziert. Damit ist das technisch Machbare im Hochofenprozess erreicht. Die Stahlbranche in Europa konzentriert sich nun gemeinsam mit der EU auf das Forschungsprojekt ULCOS. Darin sollen völlig neuartige Prozesse zur Herstellung von Roheisen entwickelt werden. Erste Versuche sind ermutigend, aber bis zum Durchbruch im industriellen Maßstab werden noch Jahrzehnte vergehen.

nach oben