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Unternehmensmeldungen, 16.08.2000, 02:00

Rede Prof. Dr. Ekkehard Schulz, Vorsitzender des Vorstands der ThyssenKrupp AG, zur Pressekonferenz

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir freuen uns, daß Sie trotz der sehr kurzfristigen Einladung so zahlreich gekommen sind.

Sie kennen den Anlaß für unsere Pressekonferenz: ThyssenKrupp ist gemeinsam mit den Konsortialführern Deutsche Bank und Commerzbank zu dem Ergebnis gelangt, den für September 2000 geplanten Börsengang von ThyssenKrupp Steel auf Grund der gegenwärtig schwachen Bewertung des Stahlsektors an den Börsen nicht durchzuführen. Vor diesem Hintergrund hat der Vorstand der ThyssenKrupp AG beschlossen, den Börsengang für September 2000 abzusagen.

Wir bedauern sehr, daß wir diesen Schritt gehen mußten, sehen aber keine andere Möglichkeit. Diese Absage ist umso bedauerlicher, als die wirtschaftliche Entwicklung unserer Steel-Gruppe sehr gut ist.

Warum haben wir uns entschlossen, den für September 2000 geplanten Börsengang abzusagen? Ein wichtiger Bestandteil des 6-Punkte-Programms zur strategischen Neuausrichtung von ThyssenKrupp im November 1999 war der Börsengang Steel. Auf der Basis der damaligen Kapitalmarktsituation sind wir gemeinsam mit unseren Beratern bei einer Platzierung von 25 bis 35% der Aktien an der Börse davon ausgegangen, mindestens 3 Mrd DM zu erzielen.

Am 24. Juli auf unserer Pressekonferenz in Duisburg habe ich auf Nachfrage ausgeführt, daß wir trotz einiger Bedenken relativ optimistisch sind, noch nahe an diese Größenordnung heranzukommen. Dabei haben wir zum einen ? auch in Übereinstimmung mit den Einschätzungen der Stahlbranche - auf eine Erholung des Kapitalmarkts gehofft, denn alle konjunkturellen Daten sprechen dafür. Zum anderen sind wir davon ausgegangen, daß es uns gelingen wird, aufgrund der guten Performance von ThyssenKrupp Steel eine überdurchschnittliche Bewertung im Vergleich zum Wettbewerb zu erreichen.

Nach unserem Analystenmeeting am 25. Juli haben wir am letzten Wochenende von den Konsortialbanken neue Aussagen zur Bewertung erhalten. Nun müssen wir erkennen, daß der Kapitalmarkt nicht bereit ist, für ThyssenKrupp Steel das erwartete Premium zu zahlen. Hinzu kommt noch wegen der negativen Bewertung des Stahlsektors an der Börse ein extrem hoher IPO-Abschlag.

Hinsichtlich der Entwicklung auf dem Stahlsektor gehen die Meinungen weit auseinander. In Europa und insbesondere in Deutschland gibt es durchaus positive Stimmen. Seit Ende Mai wird vor allem am US-Kapitalmarkt die Frage diskutiert, wann der Stahlzyklus seinen Höhepunkt erreichen wird. So haben seit dem Sommer hauptsächlich US-Investoren Stahlaktien verkauft. Vor diesem Hintergrund ist inzwischen ein Kursniveau erreicht worden, das nach unserer Ansicht den wahren Wert der Stahlaktien ? und damit auch der zur Platzierung vorgesehenen Aktien von ThyssenKrupp Steel - nicht mehr widerspiegelt. So werden mittlerweile die Stahlaktien deutlich unter ihrem Eigenkapitalwert bewertet.

Vom Kapitalmarkt wird außerdem nicht berücksichtigt, daß ThyssenKrupp Steel durch die Realisierung von Synergien und durch weitere Rationalisierungs- und Verbesserungsmaßnahmen nachhaltige Kostensenkungspotentiale von 400 Mio Euro pro Jahr hat. Darüber hinaus werden wir durch den weiteren Ausbau des Anteils von Produkten mit hoher Verarbeitungs- und Wertschöpfungstiefe, in Verbindung mit unserer auf die Triade-Märkte ausgerichteten globalen Wachstumsstrategie, überdurchschnittlich von den langfristigen Wachstumsraten von 4% für Qualitätsstahl und 7% für Stainless profitieren. Vor diesem Hintergrund wird es ThyssenKrupp Steel möglich sein, auch künftig ein hohes Ertragsniveau zu erreichen und selbst in Baisse-Situationen noch deutlich positive Ergebnisse zu erzielen, wie wir im Geschäftsjahr 1998/99 bereits nachgewiesen haben.

Dieses Auseinanderlaufen von guten und steigenden Ergebnissen bei ThyssenKrupp Steel sowie seiner guten Marktpositionen einerseits und der andererseits schwachen Bewertung von Stahlunternehmen generell an den Börsen hat uns veranlaßt, die für September geplante Börseneinführung der Thyssen Krupp Steel AG abzusagen.

Meine Damen, meine Herren. Die wirtschaftliche Entwicklung von ThyssenKrupp Steel verläuft überaus positiv. Allein im 3. Quartal des laufenden Geschäftsjahres hat ThyssenKrupp Steel ein Vor-Steuer-Ergebnis in Höhe von rund 200 Mio Euro erwirtschaftet. Das heißt, wir haben allein im 3. Quartal des Geschäftsjahres 1999/2000 mehr erwirtschaftet als im gesamten 1. Halbjahr (183 Mio Euro). Für das 4. Quartal des laufenden Geschäftsjahres wird trotz der Ferienmonate wiederum ein ähnlich hervorragendes Ergebnis erwartet.

Ursache dieser sehr erfreulichen Ergebnisentwicklung sind der positive Erlöstrend, steigende Versandmengen sowohl im Geschäftsbereich Qualitätsflachstahl als auch im Geschäftsbereich Stainless sowie die konsequente Realisierung der Umstrukturierungsmaßnahmen. Wir gehen davon aus, das Ergebnisniveau des laufenden Jahres im kommenden Geschäftsjahr weiter ausbauen zu können. Basis dafür sind die weitere Steigerung des Anteils an wertschöpfungsintensiven und innovativen Flachprodukten sowie der Abschluß der Konzentration der Rohstahlproduktion auf den Standort Duisburg einschließlich der Leistungssteigerung der Dünnbrammengießwalzanlage. Eine vergleichbar positive Ergebnisentwicklung erwarten wir auch im Geschäftsbereich Stainless mit seiner internationalen Ausrichtung.

Warum ist die Entwicklung von ThyssenKrupp Steel so erfolgreich? Das Unternehmen ist ein Stahlproduzent von Weltrang, der in seinen Geschäftsfeldern führende Positionen erreicht hat. Nach Restrukturierung, Wachstum, Akquisitionen und Fusionen ist die Fokussierung auf Flachprodukte erreicht worden. Das gilt sowohl für unsere Qualitätsstahl- als auch für die Stainless-Produkte. Durch die Vollfusion von Thyssen und Krupp wurde die komplexe Beteiligungsstruktur im Stahlbereich beseitigt, so daß die Verbundvorteile nun voll ausgeschöpft werden können. ThyssenKrupp Steel konnte seine technische Kompetenz durch Fertigungsstätten in verbrauchsstarken Wachstumsmärkten wie Deutschland, Italien, NAFTA-Raum, Brasilien und künftig China global vernetzen. Es ist ein Werkstoffverbund entstanden, der weltumspannend den Fortschritt in der Stahltechnologie mitgestaltet.

ThyssenKrupp Steel ist heute ein börsenfähiges Unternehmen. Mit den Vorbereitungen des Börsengangs lagen wir voll im Zeitplan. ThyssenKrupp Steel ist heute hervorragend positioniert und verfügt über ausgezeichnete Entwicklungsmöglichkeiten. Die Equity-Story Steel ist rund; die Resonanz der Analysten hierauf ist außerordentlich positiv.

Um so bedauerlicher und enttäuschender ist es, daß wir den Börsengang absagen mußten, weil bei der aktuell schwachen Bewertung des Stahlsektors eine Wertgrenze unterschritten wurde, mit der wir das Ziel, für den Konzern Mehrwert zu schaffen, nicht erreichen können. Die strategischen Vorteile des Börsengangs rechtfertigen es nicht, die derzeit damit für den ThyssenKrupp Konzern verbundenen Nachteile in Kauf zu nehmen.

Was bedeutet die Entscheidung für ThyssenKrupp? ThyssenKrupp wird das Ziel, einen hohen Wertbeitrag zu erwirtschaften, im Rahmen seiner strategischen Neuausrichtung weiter konsequent verfolgen. Das bedeutet auch heute unverändert

・ die Fokussierung auf Kerngeschäftsfelder durch kontinuierliche Portfolio-Optimierung
・ den stetigen Ausbau dieser Kerngeschäftsfelder, die durch kontinuierliches Wachstum und führende Marktpositionen gekennzeichnet sind.

Was bedeutet die Entscheidung für ThyssenKrupp Steel? ThyssenKrupp Steel ist, wie die positive Ergebnisentwicklung eindeutig dokumentiert, im internationalen Wettbewerb mit seinen Produkten und Werken hervorragend aufgestellt. Wir werden nun alle Optionen prüfen.

Der ThyssenKrupp Konzern konnte seine Ertragskraft weiter stärken. Das Ergebnis des laufenden Geschäftsjahres wird deutlich über dem des Vorjahres liegen. Hierzu tragen wesentlich die Realisierung von Synergien aus der Fusion sowie strukturelle Verbesserungen im Portfolio, Performancesteigerungen in den operativen Einheiten und nicht zuletzt der konjunkturelle Rückenwind bei. Es wird wiederum eine angemessene Dividende zur Ausschüttung anstehen. Aus heutiger Sicht rechnen wir auch für das nächste Geschäftsjahr mit einer weiter verbesserten Ergebnisentwicklung.

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