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Produkte und Lösungen, 21.12.2005, 09:00

Vier Gewerke aus einer Hand

Fußbodenbeläge, Regenjacken, Getränkeverpackungen - PVC ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Einer der größten Hersteller in Europa ist das skandinavische Unternehmen Hydro Polymers, das jüngst beschlossen hat, seine Werke in Norwegen und Schweden auszubauen. ThyssenKrupp Xervon ist bei der Erweiterung einer Ethylenanlage der Tochterfirma Noretyl im norwegischen Rafnes mit dabei. Verantwortliches Engineeringunternehmen für die Erweiterung ist die Firma Linde.

Nachdem beide Unternehmen bereits bei der Erweiterung einer Erdgasaufbereitungsanlage in Kolsnes zusammenarbeiteten, wo ThyssenKrupp Xervon für die Gewerke Korrosionsschutz und Gerüstbau verantwortlich zeichnete, bekommt Noretyl diesmal noch zusätzlich Isolierung und Brandschutz aus einer Hand. Der gesamte Auftragswert beläuft sich auf knapp 5,1 Millionen Euro und ist damit der bisher größte internationale Auftrag für ThyssenKrupp Xervon im Chemieanlagenbau.

"Unsere umfangreichen Erfahrungen in der Durchführung internationaler Projekte zusammen mit dem Konzept einer einheitlichen Baustellenorganisation mit einem verantwortlichen Ansprechpartner für mehrere Gewerke hat die Auftraggeber überzeugt", verrät der Regionalleiter Michael Steins das Erfolgsgeheimnis. "Wir freuen uns auf die Herausforderung, auch weil es das erste Mal ist, dass wir bei solch einem Projekt vier Gewerke aus einer Hand anbieten."

Herausforderung Logistik

Die Koordination der Logistik steht dabei an oberster Priorität: Rund 1.000 Tonnen Gerüstmaterial sind im Einsatz, 30.000 Quadratmeter Isolierungsmaterialien und Brandschutzsysteme werden verarbeitet sowie 300 Tonnen Rohrleitungen beschichtet. Insgesamt 90 bis 100 Mitarbeiter aus Deutschland sind vor Ort im Einsatz, im Dezember sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Dabei nahm der September eine Sonderrolle ein, denn da wurden die bereits bestehenden Teile der alten Anlage runtergefahren und mit der neuen verbunden. "Der Zeitplan für uns war damit klar", erläutert Steins, "Der Stillstand war unaufschiebbar, das heißt, sämtliche vorbereitenden Arbeiten mussten bis September abgeschlossen sein."

Um flexibler auf etwaige Terminprobleme reagieren zu können, begannen die Korrosionsschützer darum bereits zuhause in Gelsenkirchen mit Beschichtungen der Kleinteile. In der hauseigenen Strahlhalle wurden sämtliche Rohre mit Nennweiten von 25 bis 600 Zoll sandgestrahlt und - je nach Einsatzzweck - entsprechend beschichtet. Das Vorhandensein der Strahlhalle mit den Kapazitäten für Groß- und Kleinteile gab mit den Ausschlag für die Auftragserteilung durch den Rohrleitungsbauer, da die Witterungsverhältnisse in Norwegen nicht vorhersehbar sind und deshalb die vorhandene Kapazität in Deutschland genutzt wurde. Einfacher Rostschutz für die Kaltwasserrohre, hochbeständiger Spezialbelag für die hitzeführenden Leitungen bis 500 Grad Celsius. Sicherheitssensible Bereiche der Anlage, insbesondere tragende und stützende Teile, wurden außerdem mit Chartek F 90 brandschutzbeschichtet - damit bieten sie auch bei Feuer mit starker Hitzeentwicklung Widerstandszeiten von über eineinhalb Stunden. In Norwegen selbst werden dann nur noch die Schweißnähte sowie eventuelle Transportschäden nachgearbeitet und diverses Equipment beschichtet wie etwa Standzargen oder Wärmetauscher.

Blechteile wurden in Deutschland in der eigenen Werkstatt mit einer der modernsten Blechbearbeitungsmaschinen nach den in Norwegen angefertigten Aufmaßen vorgefertigt. Eine besondere Herausforderung stellt auch das Blech dar, welches auf beiden Seiten kunststoffbeschichtet ist.

Im Zusammenspiel

Die Isolierspezialisten übernehmen die beschichteten Rohre von den Kollegen in Gelsenkirchen und sorgen für korrekte Dämmung direkt nach dem Zusammenbau der Leitungen vor Ort. In Rafnes sind dabei hauptsächlich Rohrleitungen mit tiefen Temperaturen deutlich unter 0 Grad Celsius zu isolieren.

Zur Verhinderung von Eisbildung und zum Schutz vor eindringender Feuchtigkeit in die Isolierung, werden mehrlagige Dämmschichten aus PIR-Hartschaumschalen eingesetzt. Aufgrund der zellartigen Materialstruktur und der besonders guten Wärmeleitfähigkeit ist dieses Material am besten für die Anforderungen der Ethylenanlage geeignet. Die einzelnen Lagen werden fugenversetzt verlegt und an den Stößen verklebt, für zusätzlichen Schutz vor eindringender Feuchtigkeit sind die PIR-Schalen außerdem mit einer Spezialfolie kaschiert. Diese Folie besteht aus drei Schichten von 25 Prozent Polyethylen, 50 Prozent Aluminium und weiteren 25 Prozent PE und hat eine besonders hohe Wasserdampfdiffusionsdichte. Da die Rohrleitungen aufgrund der fließenden Medien einen starken Lärmpegel verursachen, werden sie außerdem mit einer 50 bis 150 Millimeter dicken Schicht (je nach Lärmpegel) aus schallschluckenden Mineralfasermatten gedämmt.

Als Oberflächenschutz erhält die Isolierung einen Blechmantel aus verzinktem Stahlblech mit farblicher PE-Beschichtung, der bei den schallgedämmten Rohrleitungen noch zusätzlich mit einer Entdröhnungsfolie ausgeklebt wird. Bei diesem sehr aufwendigen Isolierungsaufbau werden Gesamtdämmdicken bis zu 325 Millimeter erreicht. Eine Rohrleitung mit dem äußeren Durchmesser von 219 Millimeter erhält dann einen Isolierdurchmesser von 870 Millimeter.

Ein Sonderfall für die Isolierung sind dagegen drei Plattenwärmetauscher. Dies sind aus Edelstahl- und Aluminiumplatten gefertigte, besonders wärmeempfindliche Blocks, durch die zu erwärmendes Wasser und bereits gebrauchtes Heizwasser in getrennten Kammern fließen und so eine Wärmeübertragung stattfindet. Diese Plattentauscher erhalten eine Kälteisolierung mit zusätzlichem Brandschutz, die im Brandfall einem Feuer 90 Minuten Widerstand leisten soll und gleichzeitig die Temperatur des Plattentauschers unter 150 Grad Celsius halten muss.

Brandschutzfinish

Hierfür dachten sich die Isolierungsspezialisten von ThyssenKrupp Xervon ein besonderes Schichtsystem aus: Zunächst wird der Plattentauscher mit einer 50 Millimeter Mineralfaser-Brandschutzmatte eingebunden und die Mineralfaserdämmung mit einem Blechmantel aus 1,0 Millimeter verzinktem Stahlblech verkleidet. Auf diesen Stahlblechmantel wird dann die Kältedämmung aufgebracht, bestehend aus 100 Millimeter PIR-Platten, die fugenversetzt aufgeklebt werden. Wie bei den Rohrleitungen sind auch diese Platten mit der Spezialfolie kaschiert. Um diese Isolierung wird dann ein Hardcover aus 4,0 Millimeter Stahlblech gebaut, das einen direkten Feuerangriff abwehren soll. Da dieses Stahlblech ein sehr hohes Gewicht hat, wird das Gehäuse aus vielen einzelnen Platten gefertigt, die von einer Spezialfirma mit computergesteuerten Laser-Schneidemaschinen zugeschnitten und gekantet werden.

Nach dem Einbau auf der Baustelle, erhalten die bis zu 6,5 Tonnen schweren Isoliergehäuse eine Chartek-Brandschutzbeschichtung. Bei einem möglichen Brand wird das direkt einwirkende Feuer zunächst von dem Hardcover mit der Brandschutzbeschichtung abgehalten. Steigt die Temperatur im Inneren des Gehäuses, kann die PIR-Isolierung, die ja nur als Kältedämmung eingesetzt ist, nicht standhalten, da sie nur Temperaturen bis maximal 100 Grad Celsius verträgt. Durch die darauf folgende Isolierung aus Brandschutzmatte mit Blechmantel wird jedoch ein schneller Temperaturanstieg innerhalb der geforderten 90 Minuten Feuerwiderstandszeit verhindert. Ein Ergebnis, das ohne die perfekte Zusammenarbeit aller Gewerke von der Planung bis zur Ausführung kaum möglich gewesen wäre.

<u>Hintergrundinfo:</u>
Hydro Polymers produziert verschiedenste PVC-Kunststoffe. Dazu wird flüssiges Erdgas aus der Nordsee und Kochsalz zur Herstellung von Ethylen, Chlor, Natronlauge und Salzsäure verwendet, dann das Ethlyen mit Chlor vermischt und schließlich die Zwischenprodukte Ethylendichlorid (EDC) und Vinylchloridmonomer (VCM) durch die Zugabe von Natronlauge und Salzsäure zu Polyvinylchlorid (PVC) weiterverarbeitet. Die Anlagen in Rafnes in Norwegen und in Stenungsund in Schweden produzieren das gesamte VCM, das für Hydros PVC-Produktion erforderlich ist.

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