Prognose 2019/2020

Aussagen zur Prognose 2019 / 2020

Die nachfolgenden Aussagen zur erwarteten Geschäftsentwicklung beziehen sich auf die fortgeführten Aktivitäten, d. h. die Gruppe insgesamt ohne die nicht fortgeführten Aufzugaktivitäten; letztere enthalten Elevator Technology und einzelne Einheiten aus Corporate Headquarters. Zusätzlich treffen wir Aussagen zu den nicht fortgeführten Aktivitäten, die bis zum Vollzug (Closing) am 31. Juli 2020 der Elevator-Transaktion vollkonsolidiert werden.

Grundsätzlich kann die Umsatz- und Ergebnisentwicklung in weiten Teilen unserer Werkstoff- und Komponentengeschäfte kurzfristigen, teilweise auch durch Rohstoffpreise getriebenen Schwankungen unterliegen. Unsere Annahmen für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Geschäfte sowie die bestehenden Unsicherheiten haben wir im Abschnitt „Makro- und Branchenumfeld“ dieses Berichts sowie im Kapitel „Prognose“ des Geschäftsberichts 2018 / 2019 beschrieben. Hinzu kommen die Auswirkungen und Risiken der Corona-Pandemie.

Im bisherigen Verlauf der Pandemie kam es ab dem 2. Quartal des Geschäftsjahres zu vorübergehenden Werksschließungen bei unseren Kunden in China und ab Mitte März nahezu weltweit, in deren Folge die wirtschaftliche Produktionstätigkeit vorübergehend nahezu zum Erliegen kam. Seit Mai sehen wir nun eine vorsichtige Wiederaufnahme der Produktion aufgrund gelockerter Corona-Maßnahmen in wichtigen Industrienationen, u. a. USA, UK, Deutschland und dem Euroraum insgesamt, in China bereits seit März. Jedoch besteht nach wie vor eine sehr dynamische Entwicklung des Infektionsgeschehens in wesentlichen Regionen (USA, Südamerika, Asien, Europa) sowie ein anhaltendes Risiko von weiteren Infektionswellen im Jahresverlauf. Infolgedessen und angesichts der weiterhin bestehenden Beeinträchtigungen des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens sind Prognosen zum Wachstum der Weltwirtschaft sowie wirtschaftliche Auswirkungen auf unsere Geschäfte insbesondere bei Werkstoffen und Komponenten für Automobile sowie Nutzfahrzeuge von extremer Unsicherheit geprägt.

In der derzeitigen Situation hat es für uns Priorität, die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu schützen und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie durch Maßnahmen abzumildern. Wir haben die Möglichkeiten des Homeoffice deutlich ausgeweitet, um Ansteckungsrisiken zwischen Mitarbeitern so gering wie möglich zu halten. Neben Kurzarbeit in den Werken und Verwaltungen, die von Werksschließungen und Produktionsrücknahmen bei unseren Kunden betroffen sind, werden Flexibilisierung der Arbeitszeit wie Überstundenabbau, Urlaub und Abbau von Leiharbeit genutzt. Zudem führen wir Einsparmaßnahmen durch und reduzieren oder verschieben geplante Investitionsvorhaben.

Die Umsetzung von „newtk“ wird trotz der aktuellen Herausforderungen mit Nachdruck vorangetrieben. Mit der Definition des Ziel-Portfolios Ende Mai wurde ein klarer Fokus auf industrielle Perspektive, wettbewerbsfähige Profitabilität und Cashflow der Geschäfte gelegt. Ein Teil der Erlöse aus der Elevator-Transaktion soll selektiv dort für die Entwicklung und Restrukturierung der Geschäfte eingesetzt werden, wo entsprechende attraktive Zielrenditen erreicht werden können. Zudem sollen im laufenden Geschäftsjahr die stichtagsgetriebenen Schwankungen im Nettoumlaufvermögen in erheblichem Umfang zurückgenommen werden hin zu einer weiter kontinuierlichen Optimierung. Das dient auch einer höheren Transparenz und trägt auch zu einer verbesserten Berechenbarkeit der Prognose bei. Weiterhin sollen Finanzverbindlichkeiten entlang ihres Fälligkeitenprofils zurückgezahlt werden. Angesichts der Corona-bedingt unsicheren gesamtwirtschaftlichen Lage werden wir uns bei der genauen Aufteilung der Mittelverwendung aber unverändert größtmögliche Flexibilität bewahren.

Wesentliche Annahmen

Für die weltweite Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen wird der bereits erwartete leichte Rückgang in 2020 durch Produktionsstillstände und Vertriebshemmnisse infolge von Lockdown- Maßnahmen erheblich verstärkt. Der westeuropäische und der nordamerikanische Markt dürften sich 2020 nicht wie antizipiert auf einem niedrigeren Niveau stabilisieren, sondern pandemiebedingt deutlich einbrechen. Im weltgrößten Markt China erwarten wir trotz positiver Entwicklung im zweiten Kalenderquartal 2020, nach Pandemieauswirkungen auf das erste Kalenderquartal 2020, einen Pkw-Absatz deutlich unter Vorjahresniveau. Für unsere Geschäfte sehen wir Wachstumschancen durch den Hochlauf neuer Werke und Projekte auch für die zunehmenden Auslieferungen unserer elektromechanischen Lenkung.

Die Nachfrage nach unseren Großwälzlagern aus der Energie- bzw. Windbranche sollte sich im Jahr 2020 insbesondere in China und Nordamerika auch aufgrund von Vorzieheffekten infolge der absehbaren Beendigung von Förderungsmechanismen weiterhin auf hohem Niveau bewegen. Jedoch zeigen die Industriemärkte eine Abkühlung, welche v. a. durch politische Unsicherheiten geprägt ist. Daher gehen wir hier von einer Seitwärtsbewegung der Nachfrage für unsere Großwälzlager in 2020 aus. Zusätzlich zur schwächeren Nachfrage infolge der Pandemie im gesamten Schmiedegeschäft wird sich bei den Komponenten für Baumaschinen hingegen nach einem Höchststand in 2018 der zyklische Nachfragerückgang auch 2020 fortsetzen. Bei den Nutzfahrzeugen >6t ist insgesamt von einem rückläufigen Weltmarkt auszugehen, durch eine sich fortsetzende Normalisierung nach zuletzt sehr hohem Marktniveau in China und dem zyklischen Abschwung der Class 8 Trucks in NAFTA. Auch im Bereich der Industriekomponenten werden kontinuierlich Maßnahmen zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung durchgeführt.

Bei Plant Technology ist die Geschäftsentwicklung bis zum 2. Quartal nicht nennenswert durch die Pandemie beeinflusst worden und der Betrieb bei Aufträgen in Abwicklung wurde, abgesehen von wenigen Ausnahmen, aufrechterhalten. Ab dem 3. Quartal hat die Ausbreitung der Pandemie deutlich negative Auswirkungen auf den Geschäftsverlauf und die Ergebnisse. Auftragsvergaben werden verschoben, Fortschritte bei laufenden Projekten verzögern sich, Kosten für die Projektlogistik und die Qualitätssicherung bei laufenden Aufträgen steigen bei einer gleichzeitig rückläufigen Auslastung der verfügbaren Engineering-Kapazitäten. Abweichend dazu erweist sich das Service-Geschäft als robust. Das Kosteneinsparungsprogramm wird weiterhin konsequent umgesetzt und soll daher teilweise die negativen Auswirkungen der Pandemie kompensieren.

Bei Marine Systems konnten wir im Konsortium mit der Firma Embraer im März dieses Jahres einen Vertrag für ein Fregattenprogramm in Brasilien unterzeichnen. Der Vertrag wird voraussichtlich im 4. Quartal des Geschäftsjahres effektiv. Gleichzeitig verhandeln wir mit Deutschland und Norwegen über ein U-Boot-Programm. Das Programm zur Performance-Steigerung wird weiter vorangetrieben und zeigt bereits gute Erfolge.

Die für unsere Materialgeschäfte relevante weltweite Stahlnachfrage wird 2020 rückläufig sein. Dabei ist die Visibilität außerordentlich gering. Die Perspektiven sind v. a. infolge pandemiebedingter Produktionsstillstände bei relevanten Stahlverarbeitern stark eingetrübt. Das Wachstum des chinesischen Stahlmarkts wird sich zumindest verlangsamen, möglicherweise aber auch leicht rückläufig sein. In den Industrieländern ist hingegen mit einem spürbaren Rückgang der Stahlnachfrage zu rechnen. Vor dem Hintergrund der weiter bestehenden weltweiten Überkapazitäten und des zunehmenden Protektionismus dürfte der Importdruck auf dem europäischen Stahlmarkt hoch bleiben. Wir gehen von einer zumindest teilweisen Entspannung auf den Rohstoffmärkten aus und unterstellen zeitgleich bei weiterhin überversorgten Stahlmärkten einen intensiven Wettbewerb.

Bei Materials Services wollen wir die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und Vertriebswegen weiter vorantreiben, um in der gesamten Wertschöpfungskette Produktivität und Effizienz zu steigern und unseren Omnichannel-Ansatz konsequent weiter zu verfolgen. Dazu gehört der verstärkte Einsatz unserer künstlichen Intelligenz „alfred“ zur besseren Steuerung von Transportwegen und Logistikströmen, der weitere Rollout einer hochmodernen ERP-Plattform sowie der Ausbau der E-Commerce Funktionalitäten unseres B2B Portals. Ein weiterer Fokus liegt auf der Optimierung von operativen Abläufen und gezielten Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität in der Prozesskette. Darüber hinaus sollen strukturelle Anpassungen von Organisation und Methodik der Zusammenarbeit im Headquarter zur Beschleunigung von Entscheidungsprozessen, Verringerung der Komplexität sowie Kostensenkungen führen.

Bei Steel Europe erwarten wir für das weitere Geschäftsjahr eine wesentliche eingetrübte Geschäftsentwicklung aufgrund der Auswirkungen aus der Pandemie, die bereits aktuell insbesondere die Automobilindustrie zu temporären Stilllegungen gezwungen hat.

Aufgrund der geänderten Zuordnung von Geschäftsbereichen wurden Vorjahreswerte für Automotive Technology, Industrial Components, Plant Technology und Corporate Headquarters vereinfacht, d. h. ohne erneute Konsolidierung ermittelt.

  • Umsatz der fortgeführten Aktivitäten v. a. im 2. Halbjahr mit deutlichem Rückgang, vorwiegend infolge der Nachfragerückgänge bei unseren Geschäften mit Werkstoffen sowie Komponenten für Pkw und Nutzfahrzeuge aufgrund pandemiebedingter vorrübergehender Werksschließungen und Produktionsrücknahmen bei unseren Kunden aus der Automobilindustrie (Vorjahr, fortgeführte Aktivitäten: 34,0 Mrd €)

  • Bereinigtes EBIT der fortgeführten Aktivitäten, in Abhängigkeit der Dynamik der beginnenden Wiederaufnahme der Produktion bei unseren Kunden, im 4. Quartal – mit möglicher Ausnahme von Steel Europe – in nahezu allen Geschäften stabil oder mit leichter Verbesserung zum Vorquartal, daher im 4. Quartal insgesamt im mittleren bis höheren 3-stelligen Millionen-€-Bereich negativ; im Gesamtjahr ist ein Verlust zwischen – 1,7 Mrd € und – 1,9 Mrd € wahrscheinlich (Vorjahr, fortgeführte Aktivitäten: – 110 Mio €); dabei Ergebnisrückgang gegenüber Vorjahr stark durch hohen Verlust von Steel Europe von bis zu gut 1 Mrd € beeinflusst, auch infolge struktureller Nachteile bei Steel Europe und der Stahlindustrie allgemein (Vorjahr, Steel Europe: 31 Mio €)

Bis zum Vollzug (Closing) der Elevator-Transaktion am 31. Juli 2020 erwarten wir von unseren nicht fortgeführten Aufzugaktivitäten einen deutlich positiven Beitrag zum Bereinigten EBIT der Gruppe insgesamt (Vorjahr: 907 Mio €).

Im Zuge der Umsetzung von Performance First unter „newtk“ werden unsere Restrukturierungen fortgesetzt, woraus Aufwendungen (Sondereffekte) in Höhe eines mittleren 3-stelligen Millionen-€- Betrags resultieren.

Den Free Cashflow vor M & A der fortgeführten Aktivitäten erwarten wir zwischen – 5,0 Mrd € und – 6,0 Mrd € i. W. aufgrund der operativen Entwicklung sowie der Normalisierung des Nettoumlaufvermögens hin zu einer weiter kontinuierlichen Optimierung. Diese Normalisierung wirkt sich mit rd. 2,5 Mrd € belastend auf den Free Cashflow aus (Vorjahr, fortgeführte Aktivitäten: – 1.756 Mio €).

Den FCF der Gruppe (Vorjahr: – 1.263 Mio €) erwarten wir infolge des Mittelzuflusses aus der Elevator-Transaktion signifikant positiv.

Das erfolgte Closing der Elevator-Transaktion Ende Juli wird neben dem Mittelzufluss auch einen deutlich positiven Effekt auf den Jahresüberschuss der Gruppe und einen entsprechend positiven Effekt auf das Eigenkapital der Gruppe haben.

Für die Netto-Finanzschulden der Gruppe erwarten wir unter Berücksichtigung der Erlöse aus der Elevator-Transaktion eine deutliche Verbesserung auf ein Netto-Finanzguthaben, gegenläufige Effekte resultieren aus der Cashflow Entwicklung sowie infolge der Erstanwendung von IFRS 16 (Vorjahr: 3.703 Mio €).

tkVA der Gruppe infolge vorstehend beschriebener Effekte deutlich positiv (Vorjahr: – 1.068 Mio €).

Quelle: thyssenkrupp Zwischenbericht 9 Monate 2019/2020, S. 25-28