Brief an die Aktionäre

Ihr ThyssenKrupp Investment hat sich im Geschäftsjahr 2002/2003 recht ordentlich entwickelt: Der Aktienkurs stieg um 3 %, das normalisierte Ergebnis je Aktie nahm von 0,48 € im Vorjahr auf 0,89 € zu, wir schlagen der Hauptversammlung im Januar 2004 eine um 0,10 € auf 0,50 € erhöhte Dividende je Aktie vor, und die Dividendenrendite auf dieser Basis beträgt 4,3 %.
Was verbirgt sich hinter diesen Zahlen? Drei Fragen sind es, die Sie als Aktionäre besonders interessieren: Wie hat Ihr Unternehmen gewirtschaftet? Welche Aufgaben haben die Mitarbeiter und das Management am meisten beschäftigt? Welche Ziele verfolgt das Unternehmen und mit welchen Strategien? Diesen Fragen ist der vorliegende Geschäftsbericht gewidmet. Aber mir ist es wichtig, Sie auch persönlich über die wesentlichen Themen zu informieren.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ThyssenKrupp haben 2002/2003 wieder hart und kreativ gearbeitet, um möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. Leider hat uns das konjunkturelle Umfeld, und zwar weltweit, nicht gerade geholfen. Die erhoffte Erholung der Weltwirtschaft blieb aus, und die Entwicklung in den für uns wichtigen Ländern und Branchen war unbefriedigend. Stabilisierend wirkte allein der noch weitgehend robuste internationale Stahlmarkt.
Wie hat ThyssenKrupp konkret gewirtschaftet? Die enttäuschende Konjunkturentwicklung hat in unserem Geschäft Spuren hinterlassen, und es kann für uns kein Trost sein, dass es unseren Wettbewerbern nicht anders erging. Der Auftragseingang des Konzerns blieb 2002/2003 mit 36,0 Mrd € um 1 % unter dem Vorjahreswert, der Umsatz ging ebenfalls zurück, und zwar um 2 % auf 36,1 Mrd €. Dennoch konnten wir den normalisierten, das heißt um Ergebnisse aus Unternehmensveräußerungen bereinigten, Gewinn vor Steuern auf 734 Mio € erhöhen; im Jahr davor lag er bei 419 Mio €. Dieser Anstieg bedeutet eine deutliche Verbesserung in der Qualität unseres Ergebnisses. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt unseren Maßnahmen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Konzerns, die wir mit Erfolg umgesetzt haben.
Wo gab es Gegenwind? Wir wollen es uns mit dem Hinweis auf die enttäuschende Konjunktur 2002/2003 nicht leicht machen, aber es ist nun einmal so: In unserem Geschäft sind wir darauf angewiesen, dass unsere Kunden rund um den Globus investieren und unsere Produkte und Dienste nachfragen.
Gestatten Sie mir auch ein Wort zu weiteren Beeinträchtigungen, mit denen wir 2003 konfrontiert wurden. So hat eine Rating-Agentur im Februar 2003 ThyssenKrupp auf den Non-Investment-Grade-Status herabgestuft. Der Grund dafür war nichts anderes als ein Methodenwechsel der Rating-Agentur in der Behandlung von Pensionsverpflichtungen. Für uns ist diese Vorgehensweise nicht nachvollziehbar, denn die Finanzsituation des Konzerns hat sich seit dem Erst-Rating im Sommer 2001 nicht verschlechtert, sondern signifikant verbessert: Wir haben die Finanzschulden um über 4 Mrd € reduziert und das Gearing - das ist das Verhältnis der Netto-Finanzschulden zum Eigenkapital - auf das mittelfristige Zielniveau von 60% zurückgeführt. Ich versichere Ihnen, meine Damen und Herren, Ihr Unternehmen steht nach wie vor auf einer soliden finanziellen Grundlage.
Im Mai 2003 hat ThyssenKrupp 16,9 Mio eigene Aktien von der IFIC Holding AG erworben und damit den mittelbaren Anteilsbesitz der Islamischen Republik Iran an der ThyssenKrupp AG reduziert. Dadurch konnten wir einen schweren, unmittelbar bevorstehenden Schaden vom Unternehmen abwenden, denn andernfalls hätten unseren US-Aktivitäten auf Grund einschlägiger US-Gesetze gravierende wirtschaftliche Einbußen gedroht. Konkret war ein Umsatz von bis zu 8 Mrd US-Dollar gefährdet. Angesichts dieser Bedrohung halten wir den Kaufpreis von insgesamt rund 406 Mio € für gerechtfertigt.
Wie geht es strategisch weiter? Aus meinen Berichten an Sie in den vergangenen Jahren - sei es in Aktionärsbriefen, Hauptversammlungen oder Pressekonferenzen - konnten Sie ersehen: Wir verfolgen eine langfristig angelegte Konzernstrategie. Wir fokussieren unsere Aktivitäten innerhalb der drei Tätigkeitsschwerpunkte Stahl, Industriegüter sowie Dienstleistungen, und wir optimieren unser Portfolio kontinuierlich weiter, um die Ertragskraft und den Wert Ihres Unternehmens nachhaltig zu steigern. Zugegeben, nicht immer kommen wir so schnell voran, wie wir es uns wünschen. Zum einen entscheiden wir nach strengen Kriterien, die Käufe oder Verkäufe "um jeden Preis" nicht zulassen. Schließlich wollen wir neue Werte für Sie, unsere Aktionäre, schaffen. Zum anderen war die schon angesprochene Konjunkturschwäche bisher ein zusätzlicher Bremsfaktor. Dennoch: Seit Beginn des Geschäftsjahres 2002/2003 haben wir Unternehmen mit einem Umsatzvolumen von 1,5 Mrd € erworben, und unsere Desinvestitionen standen für 1,0 Mrd € Umsatz.
Unsere Strategie trägt erste Früchte, und wir werden das Tempo bei deren Umsetzung noch erhöhen. Der Aufsichtsrat hat im Mai 2003 den Plänen des Vorstands zur Weiterentwicklung des Konzerns zugestimmt. Wir werden uns von über 30 nicht strategischen Beteiligungen mit einem Gesamtumsatz von rund 7 Mrd € trennen. Damit schaffen wir neue Spielräume für strategische Akquisitionen und verbessern unsere Liquidität. Mit dem Verkauf von Novoferm und den Schalungs- und Gerüstbauaktivitäten haben wir bereits den Anfang gemacht. Zum
01. Oktober 2003 haben wir die beiden ehemaligen Segmente Materials und Serv zu dem neuen Segment Services zusammengefasst. Darin bündeln wir unsere Stärken - die Werkstoffkompetenz und die Industriedienstleistungen - und bauen sie weiter aus.
Weitere Maßnahmen unserer Konzernstrategie sind eine jährliche Produktivitätssteigerung um 2% bis 3 % sowie ThyssenKrupp best, unser Programm zur Effizienzsteigerung. Ich freue mich sehr über die erzielte Zwischenbilanz bei ThyssenKrupp best: nahezu 2.300 Projekte im In- und Ausland, erhebliche Wertsteigerungseffekte, ein deutlich intensiverer Wissenstransfer innerhalb des Konzerns - und nicht zuletzt hervorragende Preisträger des ThyssenKrupp best Awards, den wir im Jahr 2003 erstmals verliehen haben.
Was bringt uns die Konzernstrategie? Die Etappenerfolge bei der Strategieumsetzung, die Fortschritte unserer international gut aufgestellten Segmente und die Talente unserer Mitarbeiter geben meinen Kollegen im Vorstand und mir Zuversicht für die Zukunft. Wir lassen nicht nach in unserem Bemühen, die Schlagzahl zu erhöhen, unsere Methoden zu verbessern und für neue Anforderungen frühzeitig anspruchsvolle Lösungen zu finden. Durch internes Wachstum, weitere strategische Akquisitionen und noch mehr Dienstleistungsorientierung soll ThyssenKrupp mittelfristig einen Gesamtumsatz von 40 Mrd bis 46 Mrd € erreichen. Nach wie vor halten wir auch an unserem Ziel fest, mittelfristig einen normalisierten Gewinn vor Steuern von 1,5 Mrd € zu erzielen. Im laufenden Geschäftsjahr können wir das noch nicht erreichen; dafür wird das prognostizierte Wirtschaftswachstum zu gering und mit zu vielen Unsicherheiten behaftet sein. Wir sind aber sicher, mit diesem Gewinnziel das nachhaltige Potenzial von ThyssenKrupp richtig einzuschätzen. Wir setzen damit bewusst ein klares Signal für unsere Leistungsstärke und zeigen, was bei ThyssenKrupp in einem guten konjunkturellen Umfeld möglich ist.
Unsere Zukunft und unser Weg dorthin sollen, ganz im Sinne gelebter Corporate Governance, für alle unsere Partner transparent sein. Wir streben langfristige Bindungen an - zu unseren Kunden durch intelligente Lösungen ihrer Probleme, zu unseren Mitarbeitern durch zukunftsfähige Arbeitsplätze und zur Gesellschaft durch verantwortungsvolles wirtschaftliches und soziales Handeln. Im Vordergrund aber stehen Sie, meine Damen und Herren. Als ThyssenKrupp Aktionäre haben Sie uns Ihr Kapital anvertraut und erwarten zu Recht eine angemessene Verzinsung. Ihr Vertrauen ist eine hohe Verpflichtung für uns, und wir lassen uns an unseren Ergebnissen messen.
Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Ekkehard D. Schulz
Vorsitzender des Vorstands
Düsseldorf, November 2003