Brief an die Aktionäre
Vorsitzender des Vorstands
Heute berichte ich Ihnen zum ersten Mal über das abgelaufene Geschäftsjahr Ihres Unternehmens. Wie Sie wissen, hatte ich nach der Hauptversammlung im Januar 2011 den Vorstandsvorsitz von Ekkehard Schulz übernommen. Es hat nicht lange gedauert, bis ich ThyssenKrupp auch als „mein“ Unternehmen empfunden habe – so wie unsere 180.000 Mitarbeiter weltweit. Die Führungsmannschaft und die Belegschaften des Konzerns haben 2010/2011 gute Arbeit geleistet. Ausführlich informieren Sie darüber unser Geschäftsbericht und das neu konzipierte ThyssenKrupp Jahrbuch.
Geschäftsentwicklung: operativ solide
Unser operatives Geschäft entwickelte sich im Berichtsjahr solide. Wir konnten zwei wesentliche Faktoren nutzen: die zunächst noch gute Konjunktur in unseren Märkten sowie die internen Effizienz- und Strukturverbesserungsprogramme. Deshalb haben wir unsere anspruchsvollen Ziele für 2010/2011 erreicht – trotz der zum Jahresende gestiegenen Verunsicherung in einigen Abnehmerbranchen: Auftragseingang und Umsatz haben zweistellig zugelegt. Der Auftragseingang lag bei 50 Mrd €, der Umsatz bei 49 Mrd €. Auch das erwirtschaftete operative Ergebnis kann sich sehen lassen – das um Sondereffekte bereinigte EBIT legte um 42 % zu und erreichte mit 1,8 Mrd €, wenn auch knapp, den prognostizierten Zielkorridor.
Strategische Weiterentwicklung: Umsetzung konsequent eingeleitet
Für die Zukunft des Konzerns sind wir aus guten Gründen zuversichtlich. Unsere hohe technologische Kompetenz eröffnet uns gute Chancen in den Zukunftsmärkten der Welt. Angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen können wir aber nicht in allen Geschäftsfeldern angemessen investieren, um diese Chancen zu nutzen. Der Vorstand hat die Situation gründlich analysiert, die Handlungsmöglichkeiten sorgfältig abgewogen und gemeinsam mit den Bereichsvorständen der Business Areas die Kernpunkte für die strategische Weiterentwicklung festgelegt. Ich bin sehr froh, dass wir diese Entscheidungen auch im Einvernehmen mit den Arbeitnehmervertretern treffen konnten.
- Wir werden unser Portfolio künftig weiter fokussieren. Unsere Stärke sind intelligente Lösungen vor allem für effiziente Infrastruktur und Ressourcennutzung; dort sind wir schon heute vielfach „best in class“ oder können es werden.
- Dagegen werden wir uns von Aktivitäten trennen, die wir selbst nicht angemessen entwickeln können. Dies betrifft ein Umsatzvolumen von 10 Mrd € und rund 35.000 Mitarbeiter. Die Trennung von Stainless Global ist ein wesentlicher Baustein dieser Portfolio-Optimierung. Wir werden unsere Geschäfte aber nur an sogenannte Best Owner mit guten Zukunftsperspektiven abgeben.
- Durch einen schrittweisen Abbau der Netto-Finanzschulden werden wir uns Freiräume für künftige Investitionen erarbeiten – Investitionen in unsere Kernaktivitäten, in neue Produkte und Verfahren, in Forschung und Entwicklung, in unsere Mitarbeiter. Für alle Investitionen gelten klare Kriterien – Wachstum, Profitabilität und Kapitaleffizienz.
- Nachdem mit unseren neuen Stahl- und Weiterverarbeitungswerken in Brasilien und den USA der Investitionsschwerpunkt zuletzt im Bereich Materials lag, werden wir künftig stärker in Technologies investieren. Schwellenländer mit attraktiven Wachstumschancen wie China oder Indien sind unser Ziel, während wir bisher vor allem in Europa und dem NAFTA-Raum tätig waren.
- Das Unternehmensprogramm impact wird die strategische Weiterentwicklung begleiten und uns helfen, gemeinsam ein höheres Leistungsniveau zu erreichen.
Zur Unterstützung der strategischen Weiterentwicklung haben wir gemeinsam mit vielen Mitarbeitern weltweit ein neues Konzernleitbild erarbeitet. Unter dem Motto „Wir sind ThyssenKrupp“ bringt es unsere Grundhaltung auf den Punkt: Kunden- und Mitarbeiterorientierung, Innovationsstärke und Qualität, Marktführerschaft und Internationalität, Gemeinschaft und Vielfalt. Diese Werte wollen wir künftig noch stärker leben.
Steel Americas und Stainless Global: Buchwerte angepasst
Sorgen bereitete uns 2010/2011 der Anlauf der neuen Stahlwerke bei Steel Americas, insbesondere in Brasilien, der mit anhaltenden Anlaufverlusten verbunden war. Zudem müssen wir uns negativen Entwicklungen stellen, die außerhalb unseres Einflussbereichs liegen. So wirken sich die hohen Rohstoffpreise negativ auf unsere Kostenposition aus – ähnlich wie Währungseinflüsse, konkret die relative Stärke des brasilianischen Reals. Schließlich erschwert die langsamere Erholung bzw. aktuell die erneute Schwäche in den Absatzmärkten USA und Europa den Markteintritt für unsere Produkte von Steel Americas. Daraus haben wir Konsequenz gezogen und im Jahresabschluss 2010/2011 Wertberichtigungen von 2,1 Mrd € vorgenommen. Unbenommen davon stellen der erfolgreiche Abschluss der Hochlaufphase, das Optimieren der Produktionskosten und der erfolgreiche Markteinstieg in den USA kurzfristig das größte Wertsteigerungspotenzial dar. Die strategische Rationale besteht unvermindert weiter, und wir gehen von mittelfristig guten Renditen aus. Die „Americas“ sind für uns als Premium-Anbieter von Qualitätsflachstahl Märkte mit Potenzial, und unsere Werke sind ein wichtiger Schlüssel und eine hochmoderne Basis, um sich dort nachhaltig und profitabel zu etablieren.
Auch bei der bisherigen Business Area Stainless Global – heute Inoxum – waren 2010/2011 Wertberichtigungen von insgesamt 800 Mio € erforderlich. 290 Mio € entfielen auf Geschäftswert-Abschreibungen und 510 Mio € auf die Zeitwert-Anpassung im Zuge der Verselbstständigung der Einheit. Für die Zeitwert-Anpassung waren die aktuellen Bewertungen von Edelstahlherstellern ausschlaggebend, die hohe Risikoprämien und hohe Abschläge wegen der ungelösten Strukturprobleme im Edelstahlmarkt beinhalten.
Somit standen dem operativen (bereinigten) Konzern-EBIT Wertberichtigungen von insgesamt 2,9 Mrd € gegenüber. Rechnet man weitere im Saldo positive Sondereffekte von 124 Mio € hinzu, ergab sich ein negatives Konzern-EBIT von –988 Mio €.
Aufgaben und Ausblick 2011/2012: anspruchsvoll
Mit der Umsetzung der strategischen Maßnahmen haben wir unmittelbar nach den Grundsatzbeschlüssen von Vorstand und Aufsichtsrat im Mai 2011 begonnen. Den Abschluss der angekündigten Portfolio-Maßnahmen streben wir unverändert bis Jahresende 2012 an. Die ersten Schritte wurden inzwischen mit Erfolg umgesetzt: So haben wir Metal Forming verkauft und die Voraussetzungen für die Eigenständigkeit von Stainless Global geschaffen. Den Konzern für die Zukunft aufzustellen, gehört zu den ständigen Aufgaben des Vorstands. Portfolio-Optimierung ist daher ein fortwährender Prozess.
Unsere Ertragsziele für das neue Geschäftsjahr sind mit Risiken behaftet; der wesentliche Grund dafür sind die zuletzt gewachsenen Unsicherheiten bezüglich der weiteren konjunkturellen Entwicklung. Noch vor wenigen Monaten schien ein Übergreifen der Staatsschuldenkrise und der Finanzmarktturbulenzen auf die Realwirtschaft wenig wahrscheinlich. Inzwischen werden die Konjunkturprognosen deutlicher zurückgenommen, und die Abschwächungsgefahr steigt. Das beträchtliche Ausmaß der Unsicherheiten macht eine zuverlässige Prognose für unser gerade begonnenes Geschäftsjahr zurzeit seriös nicht möglich. Auch wir müssen „auf Sicht fahren“ und werden unsere Einschätzungen von Quartal zu Quartal konkretisieren. Wir setzen aber unverändert auf strikte Disziplin bei Kosten, Investitionen und Net Working Capital.
Somit wird 2012 ein anspruchsvolles Jahr für den Konzern sein. Wir wollen unser Konzept der strategischen Weiterentwicklung fortführen, die laufende Anpassung unseres Portfolios abschließen, Inoxum in die Eigenständigkeit entlassen, bei Steel Americas den technischen Hochlauf bewerkstelligen und die finanzielle Situation weiter verbessern. Damit schaffen wir die Basis für weiteres nachhaltiges Wachstum.
Dividende: Kontinuität beibehalten
ThyssenKrupp hat 2010/2011 ein solides operatives Ergebnis erwirtschaftet, musste aber auch negative Entwicklungen verkraften. Unsere strategischen Aufgaben und die unsicheren Konjunkturaussichten werden uns weiterhin viel abverlangen. Wir haben alle Umstände sorgfältig abgewogen und halten es für wichtig und gerechtfertigt, unsere auf Kontinuität ausgerichtete Dividendenpolitik fortzusetzen. Vorstand und Aufsichtsrat werden deshalb der Hauptversammlung im Januar 2012 vorschlagen, für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende in Vorjahreshöhe auszuschütten, also 0,45 € je Stückaktie.
Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die unser Unternehmen im vergangenen Jahr vertrauensvoll und fair begleitet haben – wohlwollend oder kritisch, als Aktionäre oder Analysten, Mitarbeiter oder Kunden, Vertreter aus Politik, Medien oder den zahlreichen gesellschaftlichen Organisationen, mit denen wir im Dialog stehen. Wir werden uns Ihr Vertrauen auch künftig täglich neu erarbeiten.
Mit freundlichen Grüßen
Dr.-Ing. Heinrich Hiesinger
Vorsitzender des Vorstands
Essen, November 2011



























