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Nachtrags-, Chancen- und Prognosebericht

Die zwischen dem Stichtag des 1. Halbjahres (31. März 2009) und der Freigabe des Berichts zur Veröffentlichung (12. Mai 2009) eingetretenen besonderen Ereignisse sind unter Anhang-Nr. 13 im Zwischenabschluss dargestellt.

Die globale Wirtschaftskrise schlägt sich in vollem Ausmaß in den Wachstumsraten für 2009 nieder. Die Weltwirtschaft verzeichnet in diesem Jahr ein negatives Wachstum. Insbesondere die Zuwächse in den Industrieländern werden erstmals in der Nachkriegszeit deutlich in den negativen Bereich fallen. In den Schwellenländern ist mit dem niedrigsten Wachstum seit Anfang der 1990er Jahre zu rechnen. Der Welthandel wird 2009 einbrechen und könnte den stärksten Rückgang seit mehr als 30 Jahren verzeichnen.

Die US-Wirtschaft wird 2009 deutlich schrumpfen, wozu insbesondere die stark rückläufigen Investitionen und der äußerst schwache private Konsum beitragen werden. Die neue US-Regierung setzt darauf, den Ausfall privater Nachfrage durch eine kräftige Ausweitung des Budgetdefizits aufzufangen. Stärker noch als in den USA dürfte 2009 die Wirtschaft Japans schrumpfen. Ausschlaggebend ist hier der Einbruch bei den Exporten.

Vielfach exportbedingt verlangsamt sich auch die Wachstumsdynamik der Emerging Markets. Während in China 2009 die hohen Wachstumsraten der Vorjahre nicht wieder erreicht werden, ist in einigen anderen asiatischen Ländern sogar mit einem spürbaren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Auch in Lateinamerika und Mittel- und Osteuropa gibt das Wachstum deutlich nach.

Im Euroraum bleiben die Konjunkturaussichten vorerst stark eingetrübt. Auf Grund ihrer besonders hohen Exportabhängigkeit leidet die deutsche Wirtschaft überproportional unter der negativen Entwicklung ihrer großen Handelspartner. Hier wird die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts ein kräftiges Minus aufweisen.

Für Ende 2009 besteht die Hoffnung auf eine gewisse Stabilisierung der weltwirtschaftlichen Entwicklung. Diese begründet sich insbesondere in den geplanten oder bereits verabschiedeten Konjunkturpaketen der Regierungen, aber auch in den deutlich gesunkenen Rohstoff- und Energiepreisen, einer geringen Inflation und der durch alle bedeutenden Notenbanken verfolgten Niedrigzinspolitik. Ein selbsttragender Aufschwung ist aber auch im kommenden Jahr nicht zu erwarten.

In den für ThyssenKrupp wichtigen Märkten gehen wir von folgenden Entwicklungen aus:

  • Auf dem Weltstahlmarkt zeichnet sich zurzeit keine Erholung ab. Nach der jüngsten Prognose des Weltstahlverbands Worldsteel wird die Walzstahlmarktversorgung 2009 um rund 15 % schrumpfen. Dies entspräche einer Welt-Rohstahlproduktion von 1,1 bis 1,2 Mrd t – dem Erzeugungsniveau des Jahres 2005. In der Nafta, der EU, der GUS und in Japan ist mit überproportionalen Nachfrageeinbrüchen zu rechnen; aber auch der gesamte übrige asiatische Raum, der Nahe Osten und Lateinamerika dürften 2009 nennenswerte Rückgänge verzeichnen. Vor allem in Europa, wo der reale Stahlverbrauch spürbar abnehmen wird, dämpfen hohe Lagerbestände die Nachfrage zusätzlich. In der Annahme, dass der Tiefpunkt der Krise im Verlauf von 2009 erreicht wird, gehen wir davon aus, dass es im nächsten Jahr allenfalls zu einer leichten Erholung kommen könnte, wobei allerdings in den meisten Regionen die Mengen des Jahres 2008 noch nicht wieder erreicht werden. In Europa wird die Belebung der Mengenkonjunktur vor allem lagerbedingt sein, da aus heutiger Sicht der Stahlverbrauch kaum wachsen wird.
  • Die im Verlauf des letzten Halbjahres weiter eingebrochene Nachfrage bei Rostfrei-Flachprodukten und bei den Hochleistungswerkstoffen wird sich vor dem Hintergrund der globalen Rezession auch in naher Zukunft nicht wesentlich erholen. Die Rohstoffpreise scheinen sich auf niedrigem Niveau stabilisiert zu haben, was eine leichte Nachfragebelebung begünstigen könnte.
  • Auf dem internationalen Automobilmarkt wird sich der Rückgang bei der Nachfrage und Produktion von Personen- und Nutzfahrzeugen fortsetzen. In vielen Ländern werden zur Stützung der Märkte verschiedene absatzfördernde Maßnahmen eingeführt oder vorbereitet, dennoch dürfte weltweit 2009 die Produktionszahl auf die Marke von 60 Mio Einheiten fallen. In den USA könnte die Fahrzeugproduktion sogar um mehr als 20 % einbrechen. Im deutschen Fahrzeugbau, der mehr als zwei Drittel der Produktion zumeist höherpreisiger Fahrzeuge exportiert, wird die rückläufige Entwicklung durch verschiedene Maßnahmen zwar etwas gebremst, dennoch wird die Fahrzeugproduktion voraussichtlich um fast 18 % zurückgehen.
  • Der Maschinenbau profitierte lange von einem zuvor akquirierten hohen Auftragsbestand. Die globale Wirtschaftskrise und die damit verbundene weltweite Investitionsschwäche haben sich jedoch inzwischen in einem dramatisch nachlassenden Auftragseingang niedergeschlagen. Dies wird in allen großen Industrieländern 2009 zu einer rückläufigen Maschinenproduktion führen. In den USA und in Deutschland wird die Produktion mit zweistelligen Raten abnehmen. In China wird sich die geringere Investitionsneigung in massiv niedrigeren Wachstumsraten bemerkbar machen.
  • Die Bauwirtschaft wird 2009 nur noch in einigen Ländern in Asien und in Mittel- und Osteuropa wachsen, allerdings mit einem deutlich niedrigeren Tempo. In den USA setzt sich die Rezession im privaten Wohnungsbau fort; auch andere Baubereiche zeigen konjunkturelle Schwächen. Die deutsche Bauindustrie wird 2009 voraussichtlich schrumpfen. Vor allem im Wirtschaftsbau ist ein Rückgang zu erwarten, während Impulse von den öffentlichen Bauinvestitionen kommen könnten.

Ausblick

Für das Geschäftsjahr 2008/2009 erwarten wir einen deutlichen Rückgang bei Auftragseingang und Umsatz. Dies wird sich im Ergebnis niederschlagen. Preis- und Mengenrückgänge werden durch rückläufige Einsatzstoffpreise sowie ein umfangreiches zusätzliches Maßnahmenpaket zur Effizienzsteigerung nur teilweise kompensiert. Daneben werden zielgerichtete Anpassungen des Umlaufvermögens die Kapitalbindung signifikant reduzieren. Maßnahmen zur Reduktion bzw. Verschiebung des Investitionsprogramms werden umgesetzt.

ThyssenKrupp geht davon aus, das laufende Geschäftsjahr mit einem negativen Ergebnis vor Steuern und vor wesentlichen Sondereffekten – Restrukturierungsaufwand, Projektkosten und Impairment- Abschreibungen – abzuschließen. In Abhängigkeit von der weiteren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wird ein negatives Ergebnis vor Steuern und vor wesentlichen Sondereffekten in mittlerer bis höherer dreistelliger Millionen-Euro-Größe erwartet.

Das Ergebnis vor Steuern wird erheblich durch Restrukturierungsaufwand für unsere Kostensenkungsprogramme und die strategische Neuordnung belastet werden. Diese Maßnahmen werden entscheidend dazu beitragen, die künftige Ertragskraft des Konzerns erheblich zu stärken. Weitere wesentliche Belastungen des Ergebnisses vor Steuern erwarten wir durch die Projektkosten für die neuen Stahlwerke sowie durch mögliche weitere Impairment-Abschreibungen. Die Höhe der Sondereffekte lässt sich derzeit noch nicht zuverlässig abschätzen.

Für das 2. Halbjahr des Geschäftsjahres erwarten wir, dass die Nachfrage in unserem Werkstoff- und Werkstoffdienstleistungsgeschäft weiter durch einen schwachen Verbrauch sowie durch den anhaltenden Lagerabbau entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette beeinträchtigt wird.

  • Bei Steel ist mit weiterem Erlösdruck, unauskömmlichen Mengen sowie Unterauslastung der Kapazitäten zu rechnen. Eine deutliche Entlastung durch niedrigere Rohstoffkosten wird sich auf Grund der Bewertung nach der Durchschnittskostenmethode erst mit Beginn des neuen Geschäftsjahres einstellen. Hieraus kann sich die Notwendigkeit für Wertberichtigungen des Vorratsvermögens ergeben. Eine spürbare Belebung der Nachfrage ist aus heutiger Sicht ebenfalls erst mit Beginn des Geschäftsjahres 2009/2010 zu erwarten.
  • Bei Stainless erwarten wir bei weiterhin unauskömmlichen Mengen auch im 2. Halbjahr einen Verlust, der im Vergleich zum 1. Halbjahr geringer ausfallen sollte.
  • Bei Services erwarten wir eine Reduzierung des Mengen- und Preisdrucks und eine entsprechende Erholung unserer Margen erst gegen Ende des Geschäftsjahres.

Bei unseren Industriegüteraktivitäten gehen wir auch in der 2. Geschäftsjahreshälfte von einer sehr unterschiedlichen Ergebnisentwicklung in den verschiedenen Teilbereichen aus:

  • Im Segment Technologies erwarten wir anhaltende Unterauslastung bei Komponenten für Automobile und Baumaschinen sowie im zivilen Schiffbau. Die damit verbundene Ergebnisbelastung vor Sondereffekten sollte durch die Geschäftsentwicklung im Anlagenbau, bei Großwälzlagern für den Energiesektor sowie im U-Boot- und Fregattenbau kompensiert werden.
  • Für das Segment Elevator rechnen wir mit einer weiterhin guten Ergebnisentwicklung.

Für das Jahr 2009/2010 gehen wir angesichts der aktuellen Prognosen für die Weltwirtschaft von einer moderaten Stabilisierung beim Umsatz aus; Effekte aus den Restrukturierungs- und Kostensenkungsmaßnahmen sollten das Ergebnis verbessern.

Konzernprogramm ThyssenKrupp PLuS mit ersten Ergebnissen

Bereits im Laufe des 1. Berichtsquartals hat ThyssenKrupp das konzernweite Programm ThyssenKrupp PLuS gestartet, um schnell und konsequent auf die Rezession der globalen Weltwirtschaft zu reagieren und mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket gegenzusteuern. Ziel des Programms ist, bereits im laufenden Geschäftsjahr positive Ergebnis- und Liquiditätseffekte zu erlangen. Dabei nutzen wir alle zur Verfügung stehenden Hebel.

Für das laufende Geschäftsjahr sind deutlich über 1 Mrd € ergebnisverbessernde Maßnahmen initiiert worden. Durch Senkung der Ausgaben in Produktion und Verwaltung sowie Optimierungen bei Beschaffung und Vertrieb und z.B. die kritische Prüfung von externen Dienstleistungsverträgen konnten wir im 1. Halbjahr das Einsparungsziel zeitanteilig realisieren. Zur Senkung des Personalaufwands trugen auch die konsequente Anpassung des Einsatzes von Leiharbeitskräften und Kurzarbeit bei.

Ein weiterer Ansatz zur Verbesserung unserer Cash-Position ist die konsequente Reduktion des Net Working Capital – Netto-Umlaufvermögen – beispielsweise durch deutliche Reduzierung der Vorräte und Optimierung des Forderungsmanagements in allen Segmenten des Konzerns. Hier stehen neben kurzfristigen Effekten auch nachhaltige Performance-Verbesserungen im Fokus, die uns in der Zukunft noch wettbewerbsfähiger machen sollen.

Darüber hinaus analysieren wir alle Investitionsvorhaben auf mögliche Reduzierungen oder Verschiebungen. Ziel ist es, der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung einerseits sowie unseren langfristigen strategischen Zielen andererseits sowohl bei den Großprojekten als auch bei den sonstigen Investitionen ausgewogen Rechnung zu tragen.

Strategische Neuordnung des Konzerns

ThyssenKrupp passt sich an das veränderte wirtschaftliche Umfeld an und positioniert sich stärker als integrierter Werkstoff- und Technologiekonzern. Dazu hat der Aufsichtsrat auf seiner außerordentlichen Sitzung am 27. März 2009 beschlossen, den Konzern neu auszurichten und in diesem Rahmen die bisherigen fünf Segmente in zwei Divisions zu bündeln: die Aktivitäten von Steel, Stainless und Services in "Materials", die Geschäftstätigkeiten von Technologies und Elevator in "Technologies". Aus der Neuordnung des Konzerns, die bis zum Beginn des neuen Geschäftsjahres am 01. Oktober 2009 umgesetzt werden soll, werden zusätzliche nachhaltige Kosteneinsparungen von bis zu 500 Mio € pro Jahr erwartet. Der Vorstand hat vom Aufsichtsrat den Auftrag erhalten, bis zur Aufsichtsratssitzung am 13. Mai ein Gesamtkonzept zu erarbeiten und dem Aufsichtsrat zur Beschlussfassung vorzulegen.

Vor dem Hintergrund der inzwischen eingetretenen weiteren Verschlechterung des gesamtwirtschaftlichen Umfeldes hat der Vorstand der ThyssenKrupp AG Ende April eine Weiterentwicklung des dargelegten Konzepts beschlossen:

  • ThyssenKrupp soll künftig von einer starken Zentrale effizient geführt und gesteuert werden. Die acht neuen Business Areas Steel Europe, Steel Americas, Stainless Global, Materials Services sowie Elevator Technology, Plant Technology, Components Technology und Marine Systems sollen zukünftig direkt an die ThyssenKrupp AG angebunden werden. Die Divisions als Zwischenholdings entfallen damit.
  • Diese neue Struktur wird eine größere Nähe des Konzernvorstands zum operativen Geschäft sichern. Sie schafft intern und extern mehr Transparenz und ermöglicht schnellere und bessere Entscheidungen. Die bisherigen Segmentführungsgesellschaften gehen in der neuen Struktur auf. Verwaltungsaufwand und -kapazitäten werden durch diese Bündelung deutlich reduziert.
  • "Materials" und "Technologies" beschreiben die strategische Ausrichtung der Business Areas und markieren die Kompetenzfelder des Konzerns.

Die detaillierte Weiterentwicklung des Gesamtkonzepts zur strategischen Neuordnung wird dem Aufsichtsrat am 13. Mai 2009 vorgestellt und zur Diskussion und Beschlussfassung vorgelegt. Im Anschluss an die Aufsichtsratssitzung wird die Öffentlichkeit über die Ergebnisse informiert.

Personelle Anpassungen

Die beschlossene strategische Neuordnung führt zu personellen Anpassungen in den Verwaltungen und auch im Vorstand der ThyssenKrupp AG:

  • Jürgen H. Fechter und Dr. Karl-Ulrich Köhler sind zum 31. März 2009 in gegenseitigem Einvernehmen aus dem Vorstand ausgeschieden; sie stehen dem Unternehmen weiter beratend zur Verfügung.
  • Das Ressort von Dr. Wolfram Mörsdorf, dessen Bestellung planmäßig am 14. April 2009 endete, wird nicht neu besetzt.
  • Dr. Ulrich Middelmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, konzentriert sich seit 01. April 2009 bis zu seinem Ausscheiden mit Ablauf der Hauptversammlung am 21. Januar 2010 auf die Umsetzung der neuen Konzernstruktur und auf das Konzernprogramm ThyssenKrupp PLuS.
  • Dr. Alan Hippe ist seit 01. April 2009 Finanzvorstand der ThyssenKrupp AG.
  • Edwin Eichler führt die Segmente Steel, Stainless sowie Services, künftig "Materials".
  • Dr. Olaf Berlien leitet die Segmente Technologies sowie Elevator, künftig "Technologies".