vor einem Jahr konnte ich Ihnen an dieser Stelle nur einen vagen Ausblick auf das Geschäftsjahr 2008/2009 geben; die Weltwirtschaft befand sich in einer tiefgreifenden Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen und Dauer nicht zuverlässig einzuschätzen waren. Genauer haben wir Sie dann im weiteren Jahresverlauf in unseren Quartalsberichten informiert. Heute möchte ich Ihnen einige wesentliche Fragen beantworten, die für alle an ThyssenKrupp Interessierten von Bedeutung sind:
- Wie hat ThyssenKrupp das Ausnahmejahr 2008/2009 bewältigt?
- Was haben wir unternommen, um in der Krise wirksam gegenzusteuern?
- Wo steht Ihr Unternehmen heute?
- Wie schätzen wir die weitere Entwicklung des Konzerns ein?
Geschäftsjahr 2008/2009 im Überblick
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat ThyssenKrupp schwer getroffen. Der Auftragseingang sank 2008/2009 um 35 % auf 36,0 Mrd €, der Umsatz um 24 % auf 40,6 Mrd €. Zum ersten Mal seit dem Zusammenschluss von Thyssen und Krupp im Jahr 1999 schlossen wir das Geschäftsjahr mit einem Verlust ab: Das Konzernergebnis vor Steuern betrug -2,4 Mrd €; wesentliche Belastungsfaktoren waren neben dem Konjunktureinbruch Sondereffekte in Form von Restrukturierungsaufwendungen, Impairment-Abschreibungen und Projektkosten für die neuen Werke in Brasilien und den USA. Nur das Segment Elevator blieb 2008/2009 profitabel. Dagegen gerieten Steel, Stainless, Technologies und Services tief in den Sog der Krise und konnten rote Zahlen nicht vermeiden.
Umfangreiches Maßnahmenprogramm gegen die Krise
Ich möchte nicht im Einzelnen darauf eingehen, wie es zu der Krise gekommen ist; die Erkenntnisse liegen längst vor. Was Anfang 2007 als normale konjunkturelle Verlangsamung begann, wurde durch die Finanzkrise zur stärksten globalen Rezession der jüngeren Geschichte.
Eine solche Krise zwingt jedes Unternehmen zu größeren Einschnitten. ThyssenKrupp hat frühzeitig reagiert und operative wie auch strukturelle Maßnahmen eingeleitet; erste Erfolge konnten wir bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr verbuchen:
- Das konzernweite Programm ThyssenKrupp PLuS zielt darauf ab, Ergebnis und Liquidität zu verbessern sowie die Kosten und den Finanzbedarf zu senken. Durch eine Fülle von Maßnahmen haben wir schon 2008/2009 unsere Kosten um deutlich mehr als 1 Mrd € reduziert. Besonders wichtig ist uns, dass etwa die Hälfte der Maßnahmen nachhaltig wirkt – also auch künftig Einsparungen bringen wird.
- Das Netto-Umlaufvermögen haben wir insbesondere durch den Abbau von Vorräten und die Optimierung des Forderungsmanagements bis 30. September 2009 um deutlich über 3 Mrd € vermindert und somit unsere Liquiditätsposition erheblich verbessert.
- Darüber hinaus wurden alle Investitionsprojekte auf mögliche Reduzierungen und Verschiebungen analysiert. Davon wurden auch unsere Großprojekte im Stahlbereich nicht ausgenommen. Es gelang uns, die Investitionsausgaben 2008/2009 gegenüber unserer Planung um weit mehr als 1 Mrd € zu begrenzen.
- Auch in der notwendigen Restrukturierung einzelner Bereiche sind wir vorangekommen, etwa bei den Werften oder den Automotive-Aktivitäten. Der Prozess der Portfolio-Optimierung wurde ebenfalls fortgesetzt, beispielsweise durch die Abgabe von ThyssenKrupp Industrieservice an die WISAG.
- Die Verwaltungskosten des Konzerns von rund 2,5 Mrd € jährlich sollen nachhaltig um 20 % gesenkt werden. Dazu wird die organisatorische Neuordnung des Konzerns wesentlich beitragen, die zum 01. Oktober 2009 umgesetzt wurde.
ThyssenKrupp heute
ThyssenKrupp startete in das neue Geschäftsjahr mit erheblichen Lasten, die sich im Verlust des Vorjahres deutlich niederschlagen, mit einem umfangreichen Aufgabenprogramm, aber auch mit Zuversicht und Selbstvertrauen.
Unsere Maßnahmen greifen und machen den Konzern für die Zukunft widerstands- und wettbewerbsfähiger; das habe ich eingangs dargelegt. Wir werden weiter alles daran setzen, unsere Programme zur Kostensenkung und Restrukturierung effizient umzusetzen. Zusammen mit den bereits erreichten Kostensenkungen werden wir unsere Kostenbasis ab 2010/2011 nachhaltig um 1,5 bis 2 Mrd € verbessern. Trotz aller weiterhin bestehenden Risiken zieht außerdem die Konjunktur in vielen Bereichen langsam an. Unsere Kunden bestellen wieder mehr, auch wenn das Niveau der guten Jahre noch längere Zeit nicht wieder erreicht wird; wir konnten die Kurzarbeit inzwischen deutlich zurückfahren.
Die neue Konzernorganisation versetzt uns in die Lage, im globalen Wettbewerb künftig noch schneller und flexibler zu agieren; zudem macht sie die internen Entscheidungsprozesse kürzer und transparenter. Der Konzern wird operativ dezentraler und strategisch zentraler gesteuert.
Unsere Geschäftsaktivitäten sind seit Beginn des neuen Geschäftsjahres in acht Business Areas zusammengefasst, die direkt an die Konzernholding angebunden sind; die frühere Segmentführungsebene entfällt. Die ersten Erfahrungen aus den unterschiedlichsten Konzernteilen sind positiv und sprechen klar für die Neuordnung.
Insgesamt haben wir im abgelaufenen Geschäftsjahr eine solide Basis geschaffen, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen und – sobald der Konjunkturmotor wieder anspringt – an die erfolgreiche Entwicklung der vergangenen Jahre anzuknüpfen. Und was mir dabei besonders wichtig ist: Wir haben alle wesentlichen Maßnahmen mit den Arbeitnehmervertretern nach zum Teil kontroverser Diskussion einvernehmlich beschlossen. Wettbewerbsstärke, Zukunftsfähigkeit und Sozialverträglichkeit dürfen sich nicht ausschließen. Wir bei ThyssenKrupp haben gezeigt, dass sie auch in schwierigen Zeiten vereinbar sind.
Vor diesem Hintergrund setzen wir unsere auf Kontinuität ausgerichtete Dividendenpolitik auch 2008/2009 fort. Vorstand und Aufsichtsrat werden der Hauptversammlung im Januar 2010 vorschlagen, für das abgelaufene Geschäftsjahr je Stückaktie eine Dividende von 0,30 € auszuschütten. Es ist uns wichtig, unsere Aktionäre langfristig an das Unternehmen zu binden und die Attraktivität unserer Aktie langfristig zu sichern. Dazu gehört auch, in guten Jahren weniger als möglich – und von manchen gewünscht – auszuschütten, dafür aber in schlechten Jahren – soweit vertretbar – die Dividende nicht ganz ausfallen zu lassen.
Ausblick mit gedämpfter Zuversicht
Die Weltwirtschaft scheint den Tiefpunkt der Rezession durchschritten zu haben, so dass für das kommende Jahr mit einer langsamen konjunkturellen Belebung gerechnet wird. Das Welt- Bruttoinlandsprodukt soll 2010 wieder wachsen, allerdings nur leicht um 2,7 %. Für einen selbsttragenden Aufschwung und eine durchgreifende Erholung unserer wichtigsten Absatzmärkte reichen die Impulse leider noch nicht. Vor diesem Hintergrund rechnen wir für das Geschäftsjahr 2009/2010 mit einer Stabilisierung des Umsatzes und einer signifikanten Ergebnisverbesserung. Wir erwarten ein positives Konzernergebnis vor Steuern – bereinigt um Sondereinflüsse wie Veräußerungsergebnisse oder Restrukturierungsaufwendungen – in niedriger dreistelliger Millionen-Euro-Höhe.
Mehr über die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf unsere Abnehmerbranchen, über die Geschäftsentwicklung und die wesentlichen Ereignisse im Berichtsjahr wie auch unsere Erwartungen für die Zukunft erfahren Sie im vorliegenden Geschäftsbericht. Über das Jahr 2008/2009 berichten wir nach der in diesem Zeitraum geltenden Segmentstruktur; das verlangen die einschlägigen Vorschriften. Wir beschreiben aber auch die Neuorganisation des Konzerns und gehen ausführlich auf deren wesentliche Merkmale und strategische Vorteile ein. Unser Ausblick für 2009/2010 orientiert sich an den neuen Business Areas. Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.
Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, hat Ihr Unternehmen ein extrem schwieriges Jahr hinter sich; ein nicht minder anspruchsvolles liegt vor uns. Wir sind aber zuversichtlich, die aktuellen Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Wir sind gut unterwegs, und unsere Geschäftspartner wie auch der Kapitalmarkt honorieren unsere Anstrengungen. Ich hoffe, mit dem vorliegenden Bericht auch Sie überzeugen zu können: Die ThyssenKrupp Aktie ist und bleibt auch künftig eine langfristig lohnende Anlage.
Mit freundlichen Grüßen
Dr.-Ing. Ekkehard D. Schulz
Vorsitzender des Vorstands
Düsseldorf, im November 2009






