mit diesem Brief wende ich mich bereits zum zehnten Mal seit dem Zusammenschluss von Thyssen und Krupp an Sie, um Ihnen über das abgelaufene Geschäftsjahr und über unsere Zukunftspläne zu berichten. Es erfüllt mich mit Freude, Ihnen auch diesmal Positives über Ihr Unternehmen zu berichten. Wir können auf eine erfolgreiche Entwicklung seit der Fusion zurückblicken: Erwirtschaftete ThyssenKrupp im ersten Jahr seines Bestehens, 1998/1999, mit 185.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 32 Mrd € und ein Ergebnis vor Steuern von 616 Mio €, standen 2007/2008 fast 200.000 Mitarbeiter für 53 Mrd € Umsatz und 3,1 Mrd € Ergebnis vor Steuern.
Geschäftsjahr 2007/2008 im Überblick
2007/2008 war ein gutes Jahr für den Konzern. Unser Geschäft entwickelte sich insgesamt im Rahmen unserer Erwartungen oder besser, und das in einem zunehmend deutlich schwierigeren Marktumfeld. Der Auftragseingang erreichte 55,2 Mrd € und der Umsatz 53,4 Mrd €, das waren trotz der konjunkturellen Abkühlung leichte Steigerungen gegenüber dem Vorjahr. Vor Steuern und wesentlichen Sondereffekten betrug das Ergebnis sogar 3,5 Mrd € und übertraf unsere zuletzt im August 2008 angehobene Prognose von über 3,2 Mrd €.
Die solide Ertragslage macht es uns möglich, unsere auf Kontinuität ausgerichtete Dividendenpolitik auch 2007/2008 fortzusetzen. Vorstand und Aufsichtsrat werden der Hauptversammlung im Januar 2009 vorschlagen, für das abgelaufene Geschäftsjahr wie im Vorjahr je Stückaktie eine Dividende von 1,30 € auszuschütten. Es ist uns wichtig, unsere Aktionäre stets angemessen am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen und unsere Aktie so zu einer langfristig attraktiven Anlage zu machen. Verglichen mit der Startdividende 1998/1999 von 1,40 DM – das sind aufgerundet 0,72 € – hat sich die Ausschüttung bis heute fast verdoppelt.
Mehr über die Geschäftsentwicklung und die wesentlichen Ereignisse im Berichtsjahr, über unsere Investitionsprojekte und Innovationserfolge, aber auch über unser Verständnis unternehmerischer Verantwortung erfahren Sie im vorliegenden Geschäftsbericht. Das Magazin zum Geschäftsbericht ist in diesem Jahr dem Thema Mitarbeiter gewidmet – ich komme darauf noch zurück.
Zunächst möchte ich aber auf Fragen eingehen, die sich in diesen Tagen nicht nur Sie als Anteilseigner von ThyssenKrupp stellen, sondern auch unsere Mitarbeiter, unsere Geschäftspartner und natürlich auch wir selbst. Welche Risiken birgt die gegenwärtige Finanzkrise für die Realwirtschaft weltweit und ganz konkret für unser Unternehmen? Werden wir dennoch unsere Wachstumsstrategie vorantreiben und unsere langfristigen Ziele erreichen können?
Risiken durch Finanzkrise und Konjunkturabschwung
Die weltweit um sich greifende Finanzkrise hat das internationale Bankensystem tief erschüttert. Die materiellen Schäden sind in ihrer Gesamtheit noch nicht einzuschätzen, werden aber enorm sein; hinzu kommt ein beträchtlicher Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Aber nicht nur das, die Finanzkrise hat auch gravierende Auswirkungen auf die Realwirtschaft, denn die Entwicklung auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten wird erheblich belastet. Für das Jahr 2009 rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem globalen Wachstum von weniger als 3%, was erstmals seit 2002 eine Rezession bedeutet. Im Jahr 2010, und das ist unsere gemeinsame Hoffnung, dürfte sich das globale Wachstum wieder beschleunigen.
Von dieser Entwicklung werden auch die bisherigen Wachstumsmärkte Asiens, Mittel- und Osteuropas sowie Südamerikas nicht verschont bleiben. Auch ihr Wachstum wird sich 2009 spürbar verlangsamen. Betroffen sind die wichtigsten Abnehmerbranchen unseres Konzerns. Der Weltstahlmarkt wird sein bisher erfreulich hohes Wachstum 2009 nicht halten können. Angesichts der bestehenden Unsicherheiten hat der Fachverband World Steel Association, vormals IISI, auf eine Prognose für das kommende Jahr verzichtet. Mit gravierenden Problemen kämpft auch die internationale Automobilindustrie; lediglich in Asien ist 2009 mit einem moderaten Wachstum zu rechnen. Der Maschinenbau spürt bereits heute in Teilbereichen die rückläufige Nachfrage nach Investitionsgütern. Auch die globale Bauproduktion gerät zunehmend unter Druck; in den USA wird 2009 ein weiterer Rückgang erwartet und im Euroraum allenfalls eine Stagnation.
Unsere Zukunftsziele: Konjunktursensibel, aber langfristig solide
In diesem unsicheren Umfeld hat auch ThyssenKrupp seine Planungen für das angelaufene Geschäftsjahr 2008/ 2009 sowie seine mittel- und langfristigen Ziele überprüft. 2008/ 2009 werden wir einen deutlichen konjunkturbedingten Umsatzrückgang hinnehmen müssen, dessen Ausmaß zurzeit noch nicht zuverlässig abgeschätzt werden kann. Dies wird sich im Ergebnis entsprechend niederschlagen. Die zunehmenden Unsicherheiten auf den Finanz- und Realmärkten erlauben zurzeit keine quantifizierbare Prognose. Im Rahmen der Quartalsberichterstattungen werden wir uns konkreter zum laufenden Geschäftsjahr äußern.
Sollte die Weltwirtschaft 2010 – wie zurzeit prognostiziert – das Rezessionstal verlassen und wieder an Wachstumstempo gewinnen, wird auch ThyssenKrupp auf seinen langfristig angelegten Wachstumspfad zurückkehren. Dann werden wir 2009/2010 wieder Umsatz- und Ergebniszuwächse erreichen.
Auf längere Sicht, insbesondere nach Inbetriebnahme der Großinvestitionen von Steel und Stainless in Nord- und Südamerika sowie der anderen Segmente in weiteren Regionen, bleiben wir bei unseren bisherigen Zielvorgaben: Wir streben einen Umsatz von rund 65 Mrd € an sowie ein Ergebnis vor Steuern und wesentlichen Sondereffekten von 4,5 bis 5,0 Mrd €.
Unsere Zuversicht für die Zukunft, die diese Zielvorgaben widerspiegeln, hat zumindest zwei ebenso einfache wie einleuchtende Gründe.
Chancen durch unsere langfristig orientierte Konzernstrategie
Grund 1: Wir sind weiterhin fest davon überzeugt, dass unsere im Jahr 2005 aufgelegte Wachstumsstrategie richtig ist. Beeinträchtigungen, wie etwa durch die aktuelle Finanzkrise, können zwar zu zeitlichen Verschiebungen führen, der langfristige Unternehmenserfolg bleibt davon aber unberührt. Wir betreiben eine erfolgreiche, langfristig ausgerichtete Portfoliooptimierung, die als ein kontinuierlicher Prozess angelegt ist. Unsere bisher realisierten Zukunftsprojekte haben ihre anspruchsvollen Renditevorgaben stets erfüllt.
Das vorgesehene Investitionsvolumen von insgesamt bis zu 20 Mrd € ist etwa zur Hälfte abgearbeitet. Die bisher größten Investitionsprojekte – das neue Stahlwerk des Segments Steel in Brasilien sowie ein gemeinsamer Stahl- und Weiterverarbeitungskomplex von Steel und Stainless in den USA – gewinnen an Gestalt. In Brasilien sind inzwischen 22.000 Arbeiter am Bau des Werkes beteiligt, in den USA bereits mehr als 2.000. Das Segment Technologies sieht wichtige Wachstumsimpulse in den Megatrends Klima, Umwelt, Mobilität und Infrastruktur, denn wir bieten vielfältige innovative und hocheffiziente Problemlösungen für diese Bereiche. Mit dem Aufbau eines TechCenters in Dubai erschließt Technologies die besonders wachstumsstarken Regionen Middle East und Nordafrika. Die Segmente Elevator und Services arbeiten im gemeinsamen Projekt EX East daran, neue Geschäftschancen in Asien zu identifizieren und ihre Marktpositionen dort auszubauen.
Unsere Mitarbeiter, unsere Zukunft
Grund 2: ThyssenKrupp verfügt über eine hochqualifizierte, erfahrene und motivierte Belegschaft und Führungsmannschaft. Unsere fast 200.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht nur fähig, sondern auch bereit, Spitzenleistungen für das Unternehmen und unsere gemeinsame Zukunft zu bringen. Das haben sie in der Vergangenheit wiederholt bewiesen.
Im eingangs erwähnten Magazin zum diesjährigen Geschäftsbericht können Sie viel über uns erfahren. Wie geht man bei ThyssenKrupp miteinander um? Was bewegt, motiviert und treibt unsere Mitarbeiter an? Wie nehmen wir Verantwortung wahr? Welchen Stellenwert haben Engagement und Kreativität im Konzern? All das macht unsere Unternehmenskultur aus und befähigt uns dazu, auch in schwierigen Zeiten anspruchsvolle Aufgaben zu meistern und ehrgeizige Ziele zu erreichen.
Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, lohnt es sich, ThyssenKrupp weiter auf dem Weg in die Zukunft zu begleiten. Ich hoffe, Sie sind dabei, und danke Ihnen für Ihr Vertrauen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr.-Ing. Ekkehard D. Schulz
Vorsitzender des Vorstands
Düsseldorf, im November 2008