ThyssenKrupp und Japan:
Durch fast 150 Jahre alte Geschäftsbeziehungen eng verbunden
Die Beziehungen zwischen den Vorgängerunternehmen von ThyssenKrupp, den Gesellschaften Thyssen und Krupp, und Japan reichen bis in die Zeit der Meiji-Restauration Mitte des 19. Jahrhunderts zurück und sind von wechselseitigem Wissens- und Erfahrungsaustausch geprägt. Bereits 1859 bringt der preußische Gesandte Friedrich Graf zu Eulenburg eine von Krupp hergestellte Walzmaschine als Geschenk nach Japan mit. Dieser Schritt bereitet den Boden für den 1861 geschlossenen preußisch-japanischen Handelsvertrag.
Um den aufblühenden Handel zwischen beiden Ländern weiter zu fördern, entsendet Krupp 1870 den Kölner Kaufmann Friedrich Peil als alleinigen Vertreter nach Japan. Er engagiert sich mit Geschick für eine Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen.
Schnell genießt Krupp einen guten Ruf in Japan. 1873 besucht erstmalig eine 15-köpfige Gesandtschaft die Krupp-Werke in Essen. Auch die dortige Ausbildung japanischer Arbeiter zeugt von dem großen Vertrauen.
Zu japanischen Regierungskreisen kann Krupp ebenfalls gute Beziehungen aufbauen. 1875 besucht der japanische Außenminister Shuzo Aoki auf Einladung des Unternehmens verschiedene Fertigungsanlagen. Aoki, von der Leistungsfähigkeit der Krupp-Werke überzeugt, ist maßgeblich an den ersten Verträgen für Schienenlieferungen beteiligt. 1885 liefert Krupp 5528 Eisenbahnschienen mit mehr als 1500 Tonnen Gewicht nach Japan.
Der junge Kaiser Mutsuhito, der Nachwelt besser als Kaiser Meiji bekannt, ist fest entschlossen, sein Land zu modernisieren. Er verstärkt die wirtschaftlichen Kontakte zu anderen Industrienationen. Zahlreiche weitere Vorgängerunternehmen des heutigen ThyssenKrupp Konzerns können zu dieser Zeit gute Geschäftsbeziehungen zu Japan aufbauen. Sie liefern nicht nur Industriegüter, sondern tragen auch zum Aufbau der japanischen Industrie und Infrastruktur bei. Auf der Weltausstellung 1893 in Chicago knüpft die Firma G. Polysius aus Dessau (später Krupp Polysius AG), Spezialist für Maschinen- und Anlagenbau, erste Kontakte zu dem ostasiatischen Inselreich.
Auch die kaiserliche Familie Nippons interessiert sich zunehmend für die Technik aus deutschen Landen. 1894 besuchen die Prinzen Komatsu und Jamaschina die Krupp-Werke in Essen und sind zu Gast in der Villa Hügel, dem Wohnsitz der Familie Krupp in Essen.
Eine Pionierrolle im Anlagenbau nimmt die Firma Koppers (später Krupp Koppers) ein, die 1910 die ersten 60 neu entwickelten Koksöfen in Japan für die Miike Mitsui Mining Co. baut. Dies ist der Beginn eines viele Jahrzehnte andauernden Engagements Koppers im kokereitechnischen Anlagenbau. Auch die Kokereibaufirma Dr. C. Otto & Comp., die später zum Thyssen-Konzern gehört, baut insbesondere in den dreißiger Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg Kokereien für Japan.
Mit dem industriellen Aufschwung in Japan wird auch die Infrastruktur, insbesondere das Eisenbahnnetz, verstärkt ausgebaut. Zwischen 1903 und 1937 ordern japanische Eisenbahnbetreiber rund 120 Lokomotiven bei der Firma Henschel & Sohn (später Thyssen Henschel). Nicht nur Krupp, sondern auch Thyssen liefert inzwischen Schienen: 1914 erfolgt eine Lieferung von 1200 Tonnen Thyssen-Schienen.
Nach dem Ersten Weltkrieg werden die Wirtschaftsbeziehungen zügig wieder aufgenommen. 1921 eröffnet Wilhelm Landgraf, der die Interessen der Krupp-Werke vertritt, ein Büro in Tokio. Auch die Besuche von Spitzenvertretern der japanischen Wirtschaft und Behörden in Deutschland setzen wieder ein. 1925 besucht Prinz Asaka, der Schwager des Kaisers, die Krupp-Werke. In den folgenden Jahren sind unter anderen Graf Kabayama, Präsident der Nippon Seiko AG sowie die Großindustriellen Kuhara und Baron Takakimi Mitsui zu Besuch bei Krupp. Der rasante Ausbau der japanischen Industrie setzt sich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fort. Das Krupp-Grusonwerk in Magdeburg beliefert in dieser Zeit zahlreiche japanische Industrieunternehmen mit Öfen, Walzwerken, Mühlen und Pressen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die wirtschaftlichen Beziehungen bereits in den frühen fünfziger Jahren wieder aufgenommen. Bereits 1953 besichtigt Kronprinz Tsugo No Mija Akihito, Sohn des Kaisers Hirohito, die August Thyssen-Hütte AG in Duisburg.
Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der letzte Alleininhaber des Krupp-Konzerns, will sich persönlich ein Bild von der aufstrebenden Nation machen und stattet dem Land 1959 einen fünfwöchigen Besuch ab. Er ist von Land und Menschen begeistert und hebt insbesondere die Höflichkeit, die Einsatzbereitschaft und die Disziplin der Japaner hervor. Um den technischen Fortschritt zu fördern spendet Alfried Krupp der Sophia-Universität 500.000 Deutsche Mark (rund 250.000 Euro) für die Ausstattung der technischen Fakultät. 1962 wird er von der Sophia-Universität in Tokio mit der Ehrendoktorwürde für Volkswirtschaft ausgezeichnet.
Auch zahlreiche Ingenieure der August Thyssen-Hütte AG besichtigen in den fünfziger und sechziger Jahren zunehmend die neu entstehenden japanischen Industrieanlagen. Insbesondere vor dem Bau des ersten Thyssen-Oxygenstahlwerkes 1962 und des ersten Großhochofens in Schwelgern 1973 begutachten Thyssen-Techniker die technisch herausragenden japanischen Anlagen.
Besondere Verdienste kommen in dieser Zeit Hans-Günther Sohl zu, der als Vorstandsvorsitzender der August Thyssen-Hütte AG von 1961 an zahlreiche Japanreisen unternimmt und die enge Zusammenarbeit zwischen der Stahlindustrie beider Länder begründet. Für sein jahrzehntelanges Engagement wird Sohl 1988 mit dem „Orden vom heiligen Schatz“, der höchsten japanischen Auszeichnung, geehrt.
Ein weiterer technischer Meilenstein wird in Tokio 1964 in Betrieb genommen: Die 13 Kilometer lange Alweg-Bahn verbindet Tokios Innenstadt mit dem Flughafen Haneda. Diese Einschienenbahn wurde von der Hitachi Ltd. nach Lizenzen der zum Krupp-Konzern gehörenden Alweg GmbH gebaut.
In den siebziger Jahren werden die guten Kontakte der Nachkriegsära weiter vertieft. 1971 vereinbaren die August Thyssen-Hütte AG und Nippon Steel Corp. einen umfassenden Informationsaustausch. Im Rahmen dieser Kooperation besucht im gleichen Jahr erstmals eine japanische Delegation das Duisburger Stahlwerk. Der Wissensaustausch findet nicht nur auf technischen und kaufmännischen Gebieten statt, sondern umfasst auch sozialpolitische Fragen: Arbeitsdirektoren und Betriebsräte pflegen bei gegenseitigen Besuchen einen engen Erfahrungsaustausch. Das Interesse für die Kultur des fernen Lands wächst in Deutschland ebenfalls: 1972 wird in der Villa Hügel die Ausstellung „Ukiyo-e: Kunst aus Japan“ gezeigt.
1973 vergeben die Krupp Maschinenfabriken Essen eine Lizenz für den Bau von Walzwerken für Stahl und Nichteisenmetalle in Japan und anderen Ländern Südostasiens an Ube Industries Ltd., Tokio, die somit einer der wichtigsten Partner von Krupp in Asien werden.
An der „Deutschen Leistungsschau“ in Japan 1984 nehmen sowohl der Thyssen- als auch der Krupp-Konzern teil. Bis in die neunziger Jahre entwickelt sich die Kooperation zwischen den Firmen Thyssen und Krupp mit Japan stetig weiter. Im Jahr 1999 fusionieren Thyssen und Krupp. Die guten Beziehungen zu Japan werden nunmehr unter einem Dach fortgeführt und ausgebaut.
Im Jahr 2002 unterzeichnen die japanische JFE Group, in der die NKK Corporation und die Kawasaki Steel Corporation ihre Stahlaktivitäten eingebracht haben, und die ThyssenKrupp Steel AG einen umfangreichen Kooperationsvertrag. Das Abkommen der Unternehmen soll den wachsenden Anforderungen der Kunden aus der Automobilindustrie nach globaler Präsenz auch ihrer Zulieferer gerecht werden. Die Parteien entwickeln ein globales Netzwerk mit gemeinsamen Aktivitäten im Bereich Qualitätsflachstahl sowie in Forschung und Entwicklung. Schwerpunkte sind Produkte für die Automobilindustrie.
Im Juni 2005 gründen die ThyssenKrupp Stahl AG und JFE ein Gemeinschaftsunternehmen. Mit dem Joint Venture JEVISE Corporation wollen die beiden Hersteller ihre EVI-Aktivitäten ausbauen und diese Dienstleistungen den weltweit tätigen Automobilherstellern anbieten. EVI steht für Early Vendor Involvement und bezeichnet die frühzeitige Einbindung beider Stahllieferanten bei der Entwicklung neuer Automobile. Mit JEVISE sind die beiden Unternehmen in der Lage, Automobilherstellern technische Dienstleistungen anzubieten, die von der Anwendung konventioneller hochfester Stähle bis hin zum Einsatz neuer Stahlprodukte und moderner Fertigungsverfahren reichen. ThyssenKrupp Stahl und JFE sind jeweils zu 50 % an JEVISE beteiligt. Das Gemeinschaftsunternehmen hat seinen Sitz in Tokio.
Im Oktober 2005 präsentiert ThyssenKrupp im Rahmen des „Deutschland in Japan-Jahres 2005/2006“ die Technologietage. Diese Technikausstellung findet vom 14. bis 15. Oktober auf dem Okubo-Campus der renommierten Waseda-Universität in Tokio statt. Dort werden die sechs Segmente (Steel, Stainless, Automotive, Technologies, Elevator und Services) des weltweit tätigen Technologiekonzerns zahlreiche Produktinnovationen vorstellen.
ThyssenKrupp ist mit 4 Tochterunternehmen und einer Repräsentanz in Japan vertreten. 117 Mitarbeiter vor Ort erwirtschaften einen Umsatz in Höhe von 121 Mio Euro. Schwerpunkte des Engagements sind der Vertrieb von Edelstahl, Nickel, Rohren und Werkzeugmaschinen, die Zulieferung von Karosserie-, Antriebs- und Fahrwerksteilen für die japanische Automobilindustrie sowie die Fertigung von Großwälzlagern für Windenergieanlagen und Tunnelvortriebsmaschinen.