ThyssenKrupp und China:
Durch 140 Jahre alte Geschäftsbeziehungen eng verbunden
Die Beziehungen zwischen den Vorgängerunternehmen von ThyssenKrupp, den Gesell-schaften Thyssen und Krupp, und China reichen bis in das Jahr 1866 zurück und sind von wechselseitigem Wissens- und Erfahrungsaustausch geprägt.
1866
Einflussreiche Kreise am chinesischen Hof, unter Leitung von Li Hong Zhang, befürworten den Aufbau moderner Infrastruktur, planen Eisenbahnstrecken und Schifffahrtswege, die Errichtung des ersten Eisenhüttenwerks und weitere Industrie-betriebe. Die Armee will Li nach europäischem Vorbild umgestalten. Er sondiert insbesondere eine Zusammenarbeit mit Deutschland. Als eine chinesische Delegation im Jahre 1866 Deutschland besucht, werden die ersten Kontakte zwischen Alfred Krupp und den chinesischen Besuchern geknüpft. Am 27. Juli 1866 besichtigen die Männer aus dem Fernen Osten die Kruppsche Gussstahlfabrik in Essen.
1870
Dem ersten Kontakt folgen konkrete Projekte. 1870 geht der Kölner Kaufmann Friedrich Peil als alleiniger Vertreter der Firma Fried. Krupp nach China. Peil verhandelt geschickt, und bereits 1871 erhält sein Unternehmen einen Auftrag für die Lieferung von 318 Geschützen. 1874 folgen weitere Aufträge im Wert von 150.000 Talern für Rüstungsgüter. Außerdem schickt Li junge chinesische Offiziere zur Fortbildung nach Deutschland. Einer von ihnen, Duan Qirui, wird später mehrfach Premierminister der Republik China.
Li benötigt auch Material für den Bau der Eisenbahn von Guangzhou über Hankou nach Beijing. Im Jahr 1886 liefert Krupp 1.500 Tonnen Eisenbahn-Stahlschienen, wenig später Maschinenteile und weiteres Eisenbahnmaterial.
Noch im selben Jahr beginnen auch die geschäftlichen Beziehungen zu Thyssen. So liefert die Kasseler Firma Henschel & Sohn (später Thyssen Henschel) die erste Dampflokomotive, die das Kaiserreich aus dem Westen erhält. Ihr folgen bis Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts über hundert weitere Lokomotiven.
1896
Nach dem Tod von Alfred Krupp werden die guten Beziehungen zu Li durch seinen Sohn Friedrich Alfred Krupp fortgesetzt. 1896 stattet Li Krupp einen Besuch in Essen ab. Er besichtigt die Gussstahlfabrik sowie den Versuchsplatz in Meppen, auf dem Geschütze getestet werden. Noch Jahre später bringt Li seine Wertschätzung in seinen Memoiren zum Ausdruck: "Während ich offiziell der Gast der deutschen Nation bin, bin ich persönlich doch der Gast des Herrn Krupp."
1900
In den kommenden Jahren sind oft chinesische Gesandte bei Krupp zu Gast. Diese Tradition setzt sich auch unter Gustav Krupp von Bohlen und Halbach fort, der vor seiner Eheschließung mit Bertha Krupp zwischen 1900 und 1903 als Gesandtschaftssekretär in Peking tätig war. Im Januar 1910 besucht eine chinesische Marine-Studienkommission unter Führung von Prinz Tsai Hsün die Krupp Germaniawerft in Kiel, die Gussstahlfabrik in Essen und den Versuchsplatz in Meppen. Im Juni folgt eine militärische Studienkommission. Dann reißen die Beziehungen aufgrund des Ersten Weltkrieges und politischer Umwälzungen in China ab.
1934
Erst 1934 wird an die langen Beziehungen wieder angeknüpft. Krupp erhält den Auftrag, zehn Heißdampflokomotiven für die Tung-Pu-Bahn zu liefern. 1937 beginnt in Shanghai der Bau der Bank of China. Hunderte von Tonnen Krupp-Isteg Stahl werden dabei verwendet.
1955
Bis 1955 klafft dann aufgrund der politischen Umstände eine große Lücke in den gemeinsamen Beziehungen. In diesem Jahr reist die erste Krupp-Delegation nach Peking. Im Jahr darauf beginnt Krupp, Stahl nach China zu liefern. Ab Mitte der 60er Jahre intensivieren sich die Beziehungen erneut. Sowohl Thyssen als auch Krupp nehmen regelmäßig an den Frühlings- und Herbstmessen in Guangzhou teil, 1966 exportiert Rheinstahl (später Thyssen Industries) eine komplette Stahl-Entgasungsanlage nach China. Im selben Jahr und noch einmal 1970 liefert Rheinstahl Henschel insgesamt 34 Diesellokomotiven in die Volksrepublik.
1973
Ein Jahr von besonderer Bedeutung: Im April reist eine deutsche Wirtschaftsdelegation nach China. Mit Vertretern der chinesischen Regierung und Wirtschaft werden Möglichkeiten zur Intensivierung der Geschäftsbeziehungen zwischen Deutschland und China erörtert.
Die deutsche Delegation wird "auf Wunsch der chinesischen Regierung" von dem damaligen Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Fried. Krupp GmbH und Vorsitzenden des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung Prof. Dr. Berthold Beitz geleitet. In einem regen Gedankenaustausch zwischen ihm und dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai wird unter anderem der Austausch von Experten unterschiedlicher Fachgebiete beschlossen. Nach seiner Rückkehr zieht Beitz ein überaus positives Fazit des Besuchs: "Wir kamen als Fremde, wir gehen als Freunde."
Es folgen weitere Reisen von deutschen Fachleuten in die Volksrepublik. Im Gegenzug sind chinesische Experten zu Gast bei Thyssen und Krupp.
1974
In diesem Jahr beschließt Thyssen, das Know-how für ein Kaltwalzwerk zu liefern, das mehrere deutsche Firmen in Wuhan bauen. Im Zusammenhang mit der Modernisierung von Stahlwerks- und Walzwerksanlagen nimmt Thyssen Kontakte mit den Shanghai Baoshan Iron and Steel Works auf.
1975
Sowohl Thyssen als auch Krupp sind 1975 auf der Technogerma in Peking vertreten, der ersten umfassenden Ausstellung der deutschen Industrie in China. Unter Leitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Li Xian Nian besucht eine hochrangige Regierungsdelegation auch den Krupp Messestand. Für Krupp sind die achtziger Jahre ein Jahrzehnt mit immer neuen Aufträgen aus der Volksrepublik.
1981
Eine komplette Anlage zur Erzeugung von Dimethylerephtalat (DMT) wird geliefert. 1984 folgt ein Vertrag über die Lieferung einer Gießwalzanlage für Kupferdraht. 1985 erhält Krupp den Auftrag, zwei Anlagen zur Produktion von Speiseöl in der Volkrepublik zu errichten. Hoher Besuch aus China steht auch in diesen Jahren auf dem Programm: 1984 und 1986 ist der stellvertretende Ministerpräsident Li Peng zu Gast bei Krupp.
Ende der 80er Jahre beginnt eine neue Epoche in der langjährigen Geschichte der Zusammenarbeit. Nun dürfen ausländische Unternehmen in der Volkrepublik die Mehrheit bei Joint Ventures haben und auch eigene Unternehmen starten. Bereits 1988 gründen Krupp und The China Anshan Coking and Refactory Engineering Consulting Corp. (ACRE) das erste Joint Venture. Anfang der 90er Jahre startet auch Thyssen ein Joint Venture mit chinesischer Beteiligung. Das Unternehmen Shandong Thyssen Elevators Co. Ltd. für Aufzüge und Fahrtreppen entsteht. Das Zeitalter der Gemeinschaftsunternehmen ist eingeläutet.
1995
Der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin besucht als Schirmherr die in der Villa Hügel in Essen stattfindende Ausstellung "Das alte China".
1999
Thyssen und Krupp fusionieren. Der neue Konzern bündelt auch in China seine Kräfte und setzt die langjährigen Beziehungen beider Vorgängerunternehmen zur Volksrepublik fort.
Heute
Heute ist ThyssenKrupp mit 30 Gesellschaften in China vertreten. 3.700 Mitarbeiter vor Ort erwirtschaften einen Umsatz in Höhe von 1,1 Mrd Euro. Schwerpunkte des Engagements sind die Herstellung und der Vertrieb von Edelstahl, feuerverzinktem Feinblech, Tailored Blanks, Aufzügen, Fahrtreppen, Lenksystemen, Body- und Chassisteilen, Kurbelwellen sowie Federn für die Automobilindustrie.